Willi Sitte


Am 8. Mai 1945 befand ich mich in Oberitalien. In der letzten Phase des Krieges war ich bei Bologna aus der deutschen Wehrmacht desertiert. Ich schloss mich den italienischen Partisanen an, bei denen ich nach vorherigen Verbindungen erwartet wurde. In Montecchio Maggiore wirkte ich unter anderem hauptsächlich als Dolmetscher für die Partisanen bei der Gefangennahme deutscher Soldaten. Verschiedene Widerstandsgruppen, die jede für sich operierten, wurden im Laufe des Krieges in dem überparteilichen "Komitee zur nationalen Befreiung Italiens" zusammengefasst, und es kam zu einer engen Zusammenarbeit.

Doch kaum waren die letzten Schüsse gefallen, begann die Etappe des Wahlkampfes. In der Zeit, als der Krieg in Oberitalien bereits vorbei war, während im übrigen Europa teilweise noch gekämpft wurde, half ich im Rathaus Aufrufe an die Bevölkerung zu schreiben, damit die Leute möglichst schnell von den neuen Maßnahmen unterrichtet wurden.

In dieser Zeit erreichten mich die Nachrichten über das wirtschaftliche und soziale Chaos in Deutschland und von seiner Besetzung durch die Alliierten, von Hitlers Selbstmord und wenig später, am 8. Mai, von der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde durch die Vertreter des Oberkommandos der Wehrmacht in Berlin-Karlshorst. Im August 1945 erfuhr ich in Italien dann auch von den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz, die für meinen weiteren Lebensweg Weich stellen sollte.

Meine Vision war damals, dass ich in Italien bleiben wollte. Ich hatte dort Verbindungen zur Kommunistischen Partei, die mich aufnehmen wollte, und zur katholischen Kirche. Während des Krieges hatte ich einen guten Freund gewonnen, dem ich in Mailand wiederbegegnete und der mir vorübergehend eine Unterkunft gewährte und bei dem ich eine großzügige Betreuung erfuhr. Dennoch: Vor allem aber wollte ich zunächst meine Eltern und Angehörigen wiedersehen, die noch in Kratzau (Chrastava), das inzwischen zur Tschechoslowakischen Republik gehörte, lebten.

Über das tschechische Konsulat in Mailand erhielt ich die tschechische Staatsbürgerschaft wieder (als Antifaschist). So bot sich für mich die Möglichkeit, 1946 nach Hause (Kratzau) zu gelangen, in der Hoffnung, nach Italien zurückkehren zu können. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt.



Willi Sitte