Walther von Seydlitz-Kurzbach  -  Erich Weinert

Gegensätze ziehen sich an

Vor 65 Jahren, ein halbes Jahr nach der entscheidenden deutschen Niederlage im Kessel von Stalingrad, wurde von kriegsgefangenen Angehörigen der deutschen Wehrmacht und emigrierten Mitgliedern der im faschistischen Deutschland verfolgten KPD am 12./13. Juli 1943 in Krasnogorsk bei Moskau das Nationalkomitee „Freies Deutschland" (NKFD) gegründet. Zwei Monate spŠter schlossen sich Offiziere und Generäle des „Bundes Deutscher Offiziere" (BDO) dem NKFD an.

Präsident des Nationalkomitees „Freies Deutschland" war der Dichter, Schriftsteller und Kommunist Erich Weinert. Vizepräsidenten waren der General der Artillerie Walter von Seydlitz-Kurzbach und Leutnant Heinrich Graf von Einsiedel.

So unterschiedlich die Herkunft und persönliche Entwicklung Erich Weinerts und Walter Seydlitz-Kurzbachs auch war, so vereinte sie der Wille, alles zu unternehmen „Für Deutschland gegen Hitler."

Erich Weinert wurde am 4. August 1890 in Magdeburg als Sohn eines Ingenieurs geboren. Nach dem Besuch der Bürgerschule suchte er nach einem ihm genehmen Beruf. Erich Weinert schwankte zwischen einer Ingenieurlaufbahn oder der Malerei. Er besuchte aber die Kunstgewerbeschule in Magdeburg und ab 1910 bis 1912 die Königliche Kunsthochschule in Berlin, die er mit dem Staatsexamen als akademischer Zeichenlehrer abschloss. Seit 1912/13 war Weinert als freischaffender Maler, Grafiker und Buchillustrator tätig. 1913 erfolgte seine Einberufung zum Militärdienst. 1919 kehrte er als Offizier aus dem Ersten Weltkrieg nach Magdeburg zurück.

Nun arbeitete er an der Kunstgewerbeschule in Magdeburg und als Schauspieler in Kissingen. Nach kurzer Erwerbslosigkeit veröffentlichte Erich Weinert satirische Gedichte und wirkte mit am politischen Kabarett in Berlin und Leipzig. Seit 1924 war er Mitarbeiter an der „Roten Fahne".

Politisch unversöhnlich und zielstrebig schloss er sich dem revolutionären Kampf der Arbeiterbewegung an. Seit Herbst 1925 führten ihn Tourneen mit eigenem abendfüllendem Programm durch ganz Deutschland und viele Länder Europas. 1929 wurde. Weinert Mitglied der KPD. Er war Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller sowie Redaktionsmitglied der „Linkskurve". Nach seiner ersten Reise in die Sowjetunion 1931, nahmen die Schikanen, Verbote und Verfolgungen zu. So hatte er Redeverbot in Preußen nebst einer Anklage wegen „Aufreizung zum Klassenkampf" und „Gefährdung der öffentlichen Sicherheit". Anlass für diese Anklage war sein Gedicht „Der rote Feuerwehrmann".

1933 befand sich der Dichter auf einer Auslandstournee und entging so der Verhaftung durch das NS-Regime. Erich Weinert nutzte alle Möglichkeiten in Wort und Schrift nach Deutschland hinein zu wirken. Er schrieb in illegalen Zeitungen und Flugschriften und sprach vor deutschen Emigranten in Frankreich. Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Paris 1935 ging er in die Sowjetunion. Hier nahm er 1935 und 1937 an den internationalen Schriftstellerkonferenzen teil, die aufklärend über das Terrorregime in Deutschland berichteten. Von 1937 bis 1939 kämpfte er in den Reihen der Internationalen Brigaden im spanischen Freiheitskampf. Nach seiner Internierung im Konzentrationslager St. Cyprien in Südfrankreich gelang es Weinert, 1939 in die UdSSR zurückzukehren.

Beim Überfall des faschistischen Deutschlands auf die Sowjetunion stand der Dichter an der Seite der Überfallenen. Unermüdlich setzte er sein Wissen und Können als Dichter und Schriftsteller ein, um aus den vordersten Schützengräben die Angehörigen der Wehrmacht aufzurufen, den verbrecherischen Krieg zu beenden.

Folgerichtig bemühte er sich mit Gleichgesinnten die kriegsgefangenen Soldaten und Offiziere davon zu überzeugen, sich unabhängig von ihrer Herkunft und Weltanschauung zusammenzuschließen, um einen Beitrag zur Beendigung des Völkermordens zu leisten.

Die Gründung und das Wirken des NKFD von 1943 bis 1945 war ein solcher Beitrag, mitgetragen mit absoluter Konsequenz durch Walter von Seydlitz-Kurzbach, dessen Lebensweg sich von dem Weinerts grundsätzlich unterschied.

Als Sohn eines Generalleutnants am 22. August 1888 in Hamburg geboren, trat er 1908 als Fahnenjunker in die Armee ein. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er an der Ost- und später an der Westfront. Von 1919 bis 1929 war er abwechselnd Batteriechef und Adjutant, bis er 1929 in das Reichswehrministerium berufen wurde.

Nach der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges durch das NS-Regime führte er im Frankreichfeldzug als Generalmajor eine Division. Im August 1940 erhielt er das Ritterkreuz und wurde wegen hervorragender militärischer Leistungen zum Generalleutnant befördert. Ab Juni 1942 war er General der Artillerie und kommandierender General des I. Armeekorps. Unter Führung von General Friedrich Paulus kämpfte er in Stalingrad und geriet 31. Januar 1943 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Er durchlief einen langwierigen Umdenkungsprozess der dadurch begünstigt wurde, dass der kluge Berufsoffizier bereits vor dem Geschehen im Kessel von Stalingrad die militärischen Führungsmethoden Hitlers als frontfremd kritisierte. Er versuchte Paulus zu überzeugen, gegen den Willen des deutschen Diktators selbständig zu handeln und zu entscheiden. Walter v. Seydlitz-Kurzbach wollte die sinnlose Vernichtung der 6. Armee verhüten und riet zu kapitulieren, wenn der Ausbruch unmöglich ist. Aus tiefer Vaterlandsliebe heraus entschloss er sich, im NKFD mitzuwirken. Dieser Wille mitzuhelfen, Deutschland vor der absoluten Zerstörung zu bewahren und den sinnlosen Krieg zu beenden, führte zum gemeinsamen Handeln ohne Vorbehalte mit dem Kommunisten Erich Weinert. Beide Männer wirkten in diesem Sinne im NKFD und retteten zahlreichen Soldaten das Leben, wenn sie auch ihr großes Ziel nicht verwirklichen konnten.

Nach dem 8. Mai 1945 trennten sich die Wege der beiden Antifaschisten Erich Weinert und Walter v. Seydlitz-Kurzbach.

Der Dichter und Schriftsteller kehrte 1946 nach Deutschland in die sowjetisch besetzte Zone zurück. Hier wirkte er u. a. als Vizepräsident für Volksbildung. Erich Weinert gehörte zu den Mitgliedern, die 1950 die Akademie der Künste der DDR gründeten. Viel zu früh wurde er am 20. April 1953 aus seinem Schaffen gerissen.

Walter von Seydlitz-Kurzbach geriet unverschuldet in die beginnende Konfrontation des Kalten Krieges. Als er nach Stalins Ansicht nicht mehr benötigt wurde, ließ man den von Hitler in Abwesenheit zum Tode verurteilten General rechtswidrig vor ein sowjetisches Gericht stellen und beschuldigte ihn, schwere Kriegsverbrechen begangen zu haben. Am 8. Juli 1950 wurde von Seydlitz zu 25 Jahren Gefängnishaft verurteilt. Ohne Groll kehrte er am 16. Oktober 1955 aus der Sowjetunion, wo ihm schweres Unrecht zugefügt worden war, in die Bundesrepublik Deutschland zurück.

Erst am 18. Februar 1956 hoben die Gerichtsinstanzen der BRD das vom NS-Regime gegen ihn verhängte Todesurteil von 1944 auf. Er starb am 28. April 1976 in Bremen.

Erst zwanzig Jahre nach seinem Tod, am 23. April 1996, wurde auch seine Verurteilung in der Sowjetunion durch die Generalstaatsanwaltschaft Moskau posthum aufgehoben.

Günter Wehner

 

 

 

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