Peter Gingold

Den 8. Mai erlebte ich in Turin. Ich war in der Endphase des Krieges nach Italien zur Resistenza entsandt. Dort hatte ich aus unserer Erfahrung in der französischen Résistance etwas ähnliches aufzubauen, was TA (Travail allemand) genannt wurde. Das heißt, mit Streuzetteln, Flugblättern in deutscher Sprache an die Angehörigen der Wehrmacht gerichtet, sie zur Unterstützung der Resistanza zu gewinnen. Viel konnte ich nicht machen, lediglich ein Flugblatt bei den Partisanen in Piemonte konnte ich herausgeben, denn kurz darauf gab es den Aufstand in Norditalien. Bereits im April kapitulierte unter Marschall Kesselring die deutsche Armee.

In Turin, längst von den Partisanen befreit, lag ich mit den Partisanen in einer Kaserne. Als an diesem Morgen, den 8. Mai, unaufhörlich die Kirchenglocken läuteten, wussten wir, sie verkünden das Kriegsende. Spontan war ich inmitten von Hunderttausenden Menschen im Zentrum der Stadt, die ganze Stadt vom Jubel erfasst, bis in die Nacht hinein wurde ununterbrochen getanzt zu den Mandolinenklängen, Bella-Ciau, Avanti Ppopolo oder Bandiera Rosa gesungen, bis alle heiser waren.

Doch hatte ich an diesem Tag ein doppeltes Gefühl - der Freude, aber auch der Trauer im Gedenken an diese, die diesen Tag nicht erleben konnten. Ich dachte an meine Frau, das Kind in ihren Armen, das jahrelang unter falschen Namen versteckt werden musste. Und eine winzige Hoffnung hatte ich, Bruder und Schwester wiederzusehen, von den Faschisten ins Konzentrationslager verschleppt worden waren.

 

Peter Gingold