Peter Florin

Ich sitze spät abends in einem Bauernhaus an der deutsch-polnischen Grenze, vor mir steht eine Stehlampe und ein Mikrophon, ich lese den eingekesselten Soldaten und Offizieren der deutschen Wehrmacht eine Aufforderung der sowjetischen Seite in deutscher Sprache vor, der zufolge sie kapitulieren sollen, damit das Töten endlich aufhört. Während ich den Text verlese, beginnt plötzlich in der Nähe des Hauses eine wilde Schießerei.

Zunächst denke ich, sind doch irgendwo deutsche Einheiten durchgebrochen, aber - beruhige ich mich - meine sowjetischen Freunde werden mich rechtzeitig rausholen und entscheide, meinen Vortrag nicht zu unterbrechen. Es dauert nicht lange und die Schießerei ist vorbei.

Als ich fertig war und aus dem Haus trat, sehe ich die freudigen Gesichter der Soldaten. Ich werde aufgeklärt, man sagte mir, die deutsche Wehrmacht hat in Berlin bedingungslos kapituliert. Der Krieg war zu uns Ende! So war es verständlich, dass die Soldaten mit Ihren Handfeuerwaffen wilden Salut geschossen hatten. Ich freute mich, der Furie des Krieges lebend entronnen zu sein.

Gleich zu Beginn des Krieges hatte ich als Freiwilliger zur sowjetischen Armee gemeldet und habe ca. 1 Jahr bei den Partisanen Belorusslands gekämpft.

So denke ich am 8. Mai auch an die Gespräche mit meinem Vater, Wilhelm Florin, zu Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion. Er hat mir damals gesagt, es kann keinen Zweifel daran geben, dass die Sowjetunion siegen wird. Aber es wird ein harter, langwieriger und opferreicher Kampf werden. Wir sprachen auch darüber, was nach dem Krieg zu tun sei. Er sagte, wir werden dann in die Heimat zurückkehren und dafür kämpfen, dass der Faschismus mit Stumpf und Stiel ausgerottet wird und sich vorzubereiten, auf die Arbeit zur Beseitigung des faschistischen Irrsinns aus dem Bewusstsein des deutschen Volkes. Ein neues, ein demokratisches und zutiefst friedliebendes Deutschland aufzubauen, von dem nie wieder ein Krieg ausgehen wird.