Moritz Mebel

Im Morgengrauen des 8. Mai wurden wir zum Chef der Politabteilung unserer Armee, Oberst Martynow, befohlen. Ich war damals Oberleutnant und Instrukteur der 7. Abteilung. Er teilte uns mit, dass vom Stab der 2, Ukrainischen Front die Nachricht eingetroffen sei, Hitlerdeutschland habe vor den Alliierten bedingungslos kapituliert. Die Kampfhandlungen müssen ab 12 Uhr des heutigen Tages an allen Fronten eingestellt werden. Die deutschen Truppen müssen sich dort ergeben, wo sie sich zu diesem Zeitpunkt befinden. Unser Stab stand zu dieser Zeit unweit von Vyskov, ca. 50 km östlich von Brno. Vor uns - deutsche Truppen der Heeresgruppe Süd- Ost, die kämpfend versuchten, sich so schnell wie möglich von den sowjetischen Truppen in westlicher Richtung abzusetzen.

Merkwürdig, die so lange ersehnte Nachricht Martynows löste keinen Jubel aus. Noch wurde geschossen, die Kapitulation musste erst in die Tat umgesetzt werden. Auch hatten wir viel zu tun. Unverzüglich mussten Flugblätter mit entsprechendem Inhalt verfasst, gedruckt und mit dem Flugzeug über den deutschen Truppen abgeworfen werden. Es sollte versucht werden, mit dem Lautsprecherwagen an die zurückweichenden Wehrmachtseinheiten heran zu kommen, um sie über die bedingungslose Kapitulation Hitlerdeutschlands zu unterrichten. Wir wollten weiteres Blutvergießen vermeiden.

Ich erhielt den Befehl, den bestätigten Text des Flugblatts in höchstmöglicher Auflage in Skalice zu drucken und die Flugblätter unverzüglich zur Flugstaffel zu bringen. Unterwegs trafen wir in den Ortschaften jubelnde Menschen. Die mehr als erfreuliche Nachricht war durchgesickert. Der Fahrer des Lastwagens und ich wechselten kaum ein Wort, die Ereignisse hatten uns überwältigt. Noch konnten wir es nicht fassen: Dieser schreckliche Krieg war zu Ende! An unseren Standort zurückgekehrt, sollte sich herausstellen - nicht für uns. Die deutschen Einheiten der Heeresgruppe Süd-Ost an unserer Front kämpften weiter. Der Befehlshaber, Generalfeldmarschall Schörner, hatte befohlen, nicht zu kapitulieren und die Waffen zu strecken. Zur gleichen Zeit, wie wir später erfuhren, bestieg er auf dem Flugplatz in Nemecky Brod sein Flugzeug und war nicht mehr gesehen. Erst in der Nacht des 11. Mai hatten die letzten Truppen der Heeresgruppe Süd-Ost ihre Kampfhandlungen eingestellt - drei Tage nach der offiziellen Kapitulation Hitlerdeutschlands.

Nunmehr war auch für uns die Zeit gekommen, mit einer ordentlichen Portion Wodka auf den Sieg über Hitlerdeutschland anzustoßen, auf die Befreiung der Völker Europas, auch des deutschen Volkes, vom Faschismus. Welch unsagbares Glück nach vier Jahren Fronteinsatz, nur mit einer leichten Verwundung, mit dem Leben davongekommen zu sein. "Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!" - das waren auch meine Gedanken am Tag des Sieges über den Hitlerfaschismus.