Kriegsverrat ist eine Friedenstat

Der unermüdliche Kampf des Ludwig Baumann für die Opfer der deutschen Wehrmachtsjustiz

Geboren wurde Ludwig Baumann 1921 in Hamburg als Sohn eines Tabakgroßhändlers. Nach Beendigung der Schule erlernte er den Beruf eines Maurers. Er war gerade 19 Jahre alt, da holte ihn die Kriegsmarine. Doch seine Begeisterung für das Soldatenleben hielt sich in starken Grenzen. Sinnlosen Befehlen blind zu folgen war seine Sache nicht. Zuvor schon hatte er den Eintritt in die Hitlerjugend aus diesen Gründen verweigert. Seine Vorgesetzten bei der Marine stellten bald fest, dass die soldatischen Tugenden Baumanns stark zu wünschen Ÿbrig ließen. Mit Strafexerzieren und Wacheschieben wollten sie den Aufmüpfigen gefügig machen.
Nach der deutschen Besetzung Frankreichs wurde Ludwig Baumann in eine Hafenkompanie in Bordeaux versetzt. Hier stieß er auf Gleichgesinnte, schloss Freundschaften mit Deutschen und Franzosen. Im Frühjahr 1942 versuchte er mit französischer Hilfe, sich in den unbesetzten Teil Frankreichs abzusetzen. Doch an der Grenze wurden er und sein Freund Kurt Oldenburg von einer deutschen Zollstreife gefasst. Nun begann die Odyssee der Fahnenflüchtigen, und auf Fahnenflucht stand die Todesstrafe. Nach ihrer Verurteilung warteten sie, an Händen und Füßen gefesselt, in einer Einzelzelle zehn Monate lang auf die Hinrichtung. Jeden Morgen bei der Wachablösung durchfuhr Ludwig Baumann der Schreck: Heute bist du dran, jetzt wirst du geholt.
Erst bei seinem Abtransport ins KZ Esterwegen erfuhr er von seiner Begnadigung, die bereits sieben Wochen nach seiner Verurteilung durch den Oberbefehlshaber der Kriegsmarine ausgesprochen worden war. Die Todesstrafe war in eine zwölfjährige Zuchthausstrafe umgewandelt worden. Zu verdanken hatte er die Begnadigung dem Einsatz seines Vaters, der dies über einen mit Großadmiral Raeder befreundeten Geschäftspartner erwirkte.
Wie im Krieg üblich, wurde die Strafe ausgesetzt. Nach schrecklicher Haft im berüchtigten Moorlager Esterwegen wurden er und sein Freund ins Wehrmachtsgefängnis Torgau überstellt. Hier musste er immer wieder Erschießungen von deutschen Soldaten miterleben. In Torgau bereitete man Ludwig Baumann nun auf den Einsatz im Strafbataillon 500 vor. Ein Todeskommando, das nur ganz wenige überlebten. Auch sein Freund Kurt Oldenburg schaffte es nicht.
1944, bei seinem Einsatz an der Front in der Südukraine, wurde Baumann verwundet. Er kam nach in Brünn ins Lazarett, wo er das gro§e Glück hatte, dass ein tschechischer Arzt seine Heilung bis zum Ende des Krieges verzögerte.
Als er dann endlich zu Weihnachten 1945 nach Hause zurückkehrte, musste er jedoch bald feststellen, dass seine Leiden noch lange kein Ende gefunden hatten. Die Hoffnung, dass nun nach der Befreiung die Desertion aus Hitlers Krieg anerkannt werden würde, zerschlug sich gründlich. Er wurde weiterhin als Feigling, Verräter und Dreckschwein gebrandmarkt und bedroht. Viele Opfer der deutschen Wehrmachtsjustiz erfuhren keinerlei Rehablititation und gingen entwürdigt zu Grunde.
Sein Vater, der sich mit der Schmach, die ihm sein Sohn zugefügt hatte nicht abfinden konnte, verstarb bald. Niemand wollte etwas mit dem Deserteur Baumann zu tun haben. Mit Alkohol versuchte er, die Probleme zu verdrängen, die Erlebnisse in der Todeszelle und an der Front zu vergessen. Erst ein nächster schwerer Schicksalsschlag brachte die Wendung. Als seine Frau bei der Geburt des sechsten Kindes starb, fand er die Kraft, seine Kinder allein großzuziehen, und er begann nun, sich politisch zu betätigen. Die Friedensbewegung bot ihm eine Heimstatt und viele neue Verbündete.
Mitte der 80er-Jahre, 40 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, kündigte sich eine Sensibilisierung der Politik für das Thema Wehrmachtsjustiz und ihre Folgen an. Die Problematik rückte in die Öffentlichkeit. Der unermüdliche Kampf um Anerkennung und Rehabilitierung schien endlich auf fruchtbaren Boden zu fallen. Denkmäler für Deserteure wurden aufgestellt und lösten in vielen Städten heftige Diskussionen aus. Im Oktober 1990 wurde dann die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz gegründet.
Seit diesem Zeitpunkt kämpft eine Handvoll Überlebender für die Aufhebung der Urteile - für die späte Würde. Jahre gingen wiederum ins Land bis endlich, nach einem zähen Kampf am 17. Mai 2002 durch ein entsprechendes Gesetz der rot-grünen Bundesregierung die Urteile aufgehoben. 57 Jahre nach Kriegsende!
Nicht aufgehoben wurden jedoch die Urteile wegen "Kriegsverrat". "Kriegsverrat", so Ludwig Baumann, ist im Krieg Landesverrat. Wenn ein deutscher Soldat den Juden half, die Zivilbevölkerung warnte, zum Feind überlief oder zu den Partisanen ging, wurde er wegen Kriegsverrat zum Tode verurteilt. Es gab nur Todesurteile." In der Begründung zum Gesetz heißt es, dass diese Todesurteile wegen "einer nicht ausschließbaren Lebensgefährdung" für die deutschen Soldaten durch Kriegsverrat nicht aufgehoben werden. Ludwig Baumann: "Dabei hätten Millionen Zivilisten und KZ-Insassen nicht mehr zu sterben brauchen, wenn es mehr Kriegsverrat gegeben hätte. Hier wird die Lebensgefährdung der deutschen Soldaten über den Tod von Millionen Opfern des deutschen Vernichtungskrieges gestellt. Was kann man besseres tun, als den Krieg zu verraten. Kriegsverrat ist eine Friedenstat."
Sein Kampf auch für diese Opfergruppe wird weiter gehen.
Lia Morgenroth

Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Ludwig Baumann
Nazi-Straftat "Kriegsverrat", Baumanns letzter Kampf,   Süddeutsche.de 05.05.2008  von Oliver Das Gupta