Lucie Aubrac

Regisseur: Claude Berri Szenarium: Claude Berri, nach den Memoiren „Ils partiront dans l'ivresse" von Lucie Aubrac, erschienen in Paris 1984 Länge: 1 Std. 55 min. Erstaufführung: 1997 Musik: Philippe Sarde Darsteller: Carole Bouquet (Lucie) Daniel Auteuil (Raymond) Jean-Roger Milo (Maurice) Patrice Chéreau (Jean Moulin, alias Max) Jean Martin (Paul Lardanchet) Heino Ferch (Klaus Barbie)

Den Lügen die eigene Wahrheit entgegensetzen

Im März 2007 verstarb die franzöische Résistancekämpferin Lucie Aubrac im Alter von 94 Jahren


Als einen „großen Verlust für Frankreich" bezeichnete sie Staatspräsident Jacques Chirac auf der Trauerzeremonie mit militärischen Ehren im Pariser Dôme des Invalides. Bis zu ihrem Tode am 14. März 2007 war sie unermüdlich als Zeitzeugin an Schulen und Universitäten unterwegs, stritt für die Menschenrechte, gegen Kolonialismus, Rassismus und soziale Ungerechtigkeit. In der Handtasche Flugblätter und Zeitungen aus dem Untergrund und den gelben Judenstern.
Am 29. Juni 1912 erblickt Lucie im burgundischen Mâcon als Tochter der Winzerfamilie Bernard das Licht der Welt. Bereits der Erste Weltkrieg überschattet ihr junges Leben und das der Familie. Ihr Vater verliert als Soldat während eines Bombardements das Gedächtnis, gilt drei Jahre lang als verschollen und landet in einer Anstalt, wo ihn die Mutter schließlich aufspürt.
Schon immer ist es Lucies Traum, Lehrerin zu werden. Glänzende Zeugnisse bringen sie ihrem Ziel näher. Doch der Weg dahin ist weit und steinig. Die finanzielle Not zwingt sie, sich das Geld für die Ausbildung in einem Pariser Restaurant zu verdienen. Dort bekommt sie Kontakt zu französischen Kommunisten, begeistert sich für die Idee, verkauft Zeitungen, engagiert sich für Frauenrechte. Endlich kann sie Geschichte und Geografie an der Sorbonne studieren. Nach ihrer Zulassung als Lehrerin findet sie in Straßburg Arbeit. Zu ihren Schülerinnen gehört die französische Schauspielerin Simone Signoret mit der sie eine lebenslange Freundschaft verbindet.
Bereits 1936, zu den Olympischen Spiele, bekommt Lucie während einer Reise nach Deutschland einen Eindruck vom Nationalsozialismus, seinem Rassimus und Antisemitismus.
Kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, im Dezember 1939, heiratet sie den Ingenieur Raymond Samuel. Er stammt aus einem jüdischen Elternhaus und lebt seit dem deutschen Überfall auf Frankreich in ständiger Angst, entdeckt zu werden. 1940 wird er von den Deutschen gefangen genommen. Mit einer spektakulären Aktion - einen allgemeinen Aufruhr ausnutzend - gelingt es ihr, ihn aus dem Gefängnis in Sarrebourg zu befreien. Sie setzen sich nach Lyon ab, der Metropole des französischen Widerstandes. Hier gründen sie mit anderen Gleichgesinnten eine Widerstandsgruppe, die sich später der Libération Sud anschließt und kämpfen gegen das Vichy-Regime. Lucie wird Mitarbeiterin der aus dem Untergrund herausgegebenen Zeitung „Libération". Beide nehmen verschiedene Decknamen an, darunter der auch der Name Aubrac, den sie ihr Leben lang behalten werden.
Lucie führt von nun an ein Doppelleben. Im Alltag geht die junge Mutter eines Sohnes ihrer Arbeit als Lehrerin nach. Ihr Mann ist als Bauingenieur tätig. Für ihre Kameraden ist sie die Verbindungsagentin Catherine, ihr Mann ist für die Armée Secrète verantwortlich. Sie kümmern sich um die Beschaffung von Waffen, Geld und Verstecken für die Résistancekämpfer. Mehrmals wird ihr Mann verhaftet, jedoch immer wieder auf freien Fuß gesetzt, da die Miliz seine wahre Identität nicht kennt. Im Juni 1943 wird er zusammen mit Jean Moulin in Caluire bei Lyon erneut verhaftet, ins Gefängnis im dortigen Fort Montluc verschleppt und zum Tode verurteilt. Voller Sorge, mit viel Mut und voller Entschlossenheit bereitet Lucie, hochschwanger, die Befreiung ihres Mannes und der 13 anderen Gefangenen vor. Die Aufsehen erregende Aktion glückt. Doch von nun an lebt die Familie im Versteck, das sie aus Sorge, entdeckt zu werden oder Verrat zum Opfer zu fallen, ständig wechselt. Im Februar 1944 entkommen sie nur knapp nach London, wo Lucie nur wenige Tage nach ihrer Ankunft ihre Tochter zur Welt bringt.
Nach Kriegsende arbeitet Lucie Aubrac in der Konsultativversammlung der provisorischen Regierung von Charles de Gaulle mit. Doch ihre eigentliche Aufgabe und ihre Bestimmung ist und bleibt für sie zeitlebens die Ausbildung junger Menschen, der sie sich hingebungsvoll bis zu ihrer Pensionierung widmet. Als 1983 der Prozess gegen Klaus Barbie, den „Schlächter von Lyon" beginnt, wird ihr klar, dass sie seinen Lügen ihre Wahrheit entgegensetzen muss. So schreibt sie 1984 ihren autobiographischen Bericht „Ils partiront dans l'ivresse (erschien in Deutschland unter dem Titel „Heldin der Liebe. Eine Frau kämpft gegen die Gestapo"), der 1997 Claude Berri als Vorlage für seinen Film „Lucie Aubrac" dient. Sie ist bereits 90 Jahre, da engagiert sie sich für Asylsuchende und rechtlose Einwanderer, für die „Sans Papiers" - die, die ohne Papiere sind
Ségolène Royal (Sozialistische Partei) sprach von ihr als der „Verkörperung des Kampfes der Franzosen um Freiheit" und für Marie-George Buffet (KPF) war sie „eine der letzten Heldinnen der Résistance". Doch Heldenverehrung war ihr stets zuwider. Sie selbst sah sich als „eine freie Französin, die gegen den rassistischen Faschismus gekämpft hat. Und so wird sie in Erinnerung bleiben.
Lia Morgenroth