Lore Krüger


Den 8. Mai 1945 erlebte ich in New York. Dorthin war ich im Juni 1940 recht unfreiwillig mit meinem Mann Ernst Krüger, meiner Schwester und einer Gruppe bekannter deutscher Antifaschisten - wie Ernst zumeist Spanienkämpfer - geraten. Wir gründeten eine halb deutsch-, halb englischsprachige antifaschistische Zeitschrift "The German American", deren Herausgeber bis zu seinem Tod Kurt Rosenfeld wurde. Wir erreichten mit unseren Berichten aus dem besetzten Europa und Entlarvungen der untergründigen Naziaktivitäten in den USA, besonders unter den nicht unbedeutenden pro-faschistischen deutsch-amerikanischen Organisationen, eine sehr breite Leserschaft.

Nun, im Mai 1945, waren schon Jahre dieser Tätigkeit vergangenen. Inzwischen hatten sich in einigen Familien Kinder eingestellt, auch meine Tochter Susan war geboren worden. Meine Schwester hatte geheiratet. Die USA war in den Krieg eingetreten und wir hatten für die Eröffnung einer 2. Front sowie später für die Trennung der Nazis von den Anti-Nazis unter den deutschen Kriegsgefangenen gestritten. Und nun war der so lange ersehnte Tag der bedingungslosen Kapitulation des Naziregimes endlich da - V.E.- day- der Tag des Sieges in Europa" für die Amerikaner. Als dies durch das Radio bekannte wurde, strömten überall in New York die Menschen auf die Straßen, jubelten laut, banden mit langen Schüren Reihen von Blechbüchsen hinten an ihre Autos und ließen sie über das Pflaster scheppern, winkten aus den Fenstern und drückten vor Freude so fest und so lange auf ihre Hupen, wie es nur ging - ein Riesendurcheinander der Begeisterung. Mein Schwager besuchte uns, um den Tag mit uns zu feiern. Meine kleine dreijährige Tochter Susan lief ihm entgegen und rief: "Bob, du musst rennen, der Krieg ist vorbei." Er war aber für die Amerikaner noch nicht vorbei - gegen die Japaner ging er ja noch über drei Monate lang weiter. Alle jedoch empfanden diesen 8. Mai als den erlösenden Tag der Befreiung des Sieges. Hiroshima und Nagasaki freilich lagen noch vor der Welt, aber das wussten wir an diesem Tag nicht.

Am 8. Mai empfand ich wie all die Leute ringsum mich unendliche Freude und Erleichterung. Gleichzeitig aber auch unendliche Trauer beim Gedanken an meine Eltern und all die vielen anderen Opfer, die diese Herrschaft des Wahnsinns das Leben gekostet hatte.

Und wie mochte wohl die Zukunft für uns aussehen? Würden die Naziverbrecher sämtlich ausgeschaltet und gebührend bestraft werden? Und ihre Gönner und Hintermänner? Würden die Alliierten ihnen wirklich das Handwerk legen? Seit kurzem Tagte in San Franzisko die Konferenz der Völker, aus der dann die UNO hervorgehen sollte. Vorläufig lasen wir nur vom Ringen um jeden Punkt. Und doch bedeutete ihre Einigung die Hoffnung auf die Zukunft. Für unsere Familie und unsere Freunde war klar, dass wir nach Deutschland zurückkehren würden, in das zerstörte, notleidende, vom Gift der Nazisicht auf die Welt zerfressene Nachkriegsdeutschland. Kein leichter Entschluss. Aber wer sollte dazu beitragen, daraus ein demokratisches, sozial gerechtes, antifaschistisches Deutschland zu machen, wenn nicht die deutschen Antifaschisten?


Lore Krüger