Abschied - kein Vergessen - Lenka Reinerova

Das ist kein Nachruf, denn ich kann, ich will dieser großartigen Frau nichts nachrufen. Das erhoffte Gespräch, 2004 hatte ich sie darum noch einmal gebeten, aber sie fühlte sich nicht gut und hatte zuviel zu arbeiten, bleibt nun ein Selbstgespräch.

Schwer zu sagen, wie ich Lenka Reinerova kennen lernte - waren es die „2000 Worte", die sie 1968 mit unterschrieben hatte, Auftritte im Prager Rundfunk in dieser Sache oder die Erzählungen meiner Mutter von den zwei Tschechinnen, Lenka und Tonka, die ihr das (Über)Leben in Rieucros erleichterten - mit Sicherheit kann ich das nicht mehr bestimmen. Meine Mutter erwähnte aber nie den vollen Namen, es waren eben Lenka und Tonka, die über ihr schlafend, Mut und Zuversicht ausstrahlten, so sehr, dass es Jahrzehnte und ein fast unfassbares Auf und Ab des Lebens überdauerte. Auf alle Fälle habe ich sie im Jahre 2000 das erste Mal bewusst erlebt und bin immer noch davon beeindruckt.

Der Optimismus und die Zuversicht sind vielleicht ein Markenzeichen dieser leisen und doch so lebhaften Frau und das in Situationen, die viele nicht nur in die Verzweiflung getrieben hätten, sondern wo dies auch real geschah. Aber nachdem mir die Identität von Lenka mit Reinerova endlich bewusst geworden war, kam es noch überraschender. In dem Buch „Grenze geschlossen", 1958 in Berlin erschienen, schildert sie die Begegnung mit meinem Vater. Das Buch hatte ich vor 1998 noch nie gesehen und es wäre mir wohl nie in die Hände gekommen, denn es kann heute nur noch in der Deutschen Bücherei beziehungsweise der Deutschen Nationalbibliothek eingesehen werden. Öffentliche Bibliotheken hier im Osten, die dieses im Verlag „Neues Leben" erschiene Buch sicher häufig in ihren Beständen hatten, haben es wohl nach 1968 aussortiert, so gründlich, dass es bis 2005 antiquarisch nicht mehr angeboten wurde.

Mein Vater Ernst Melis lernte Lenka in Prag kennen. Sie besorgte ihm, der (natürlich mit einer fremden Identität) aus der UdSSR kam, um in Prag bei der Herausgabe der Deutschen Volkszeitung mitzuarbeiten, eine Unterkunft bei ihrer Großmutter. Diese wohnte über einem Polizeirevier und dort war er, wie mir mein Vater lächelnd mitteilte, am sichersten. So lernten sie sich kennen, und er blieb auch im oben genannten Buch „Franz" -  so einer seiner illegalen Namen.

Es kam die Schmach von München und die Auslieferung der Tschechoslowakei an Hitler. Lenka gelang es, den faschistischen Häschern durch einen Aufenthalt in Bukarest zu entkommen. Das war zugleich der endgültige Abschied von ihrer Familie, die von den Nazis umgebracht wurde.

Mein Vater und Lenka fanden sich in Frankreich wieder, 1938 in Paris und 1940 in Rieucros. Es sollte aber für viele Jahre ihre letzte Begegnung sein. Davor und danach lag für sie der antifaschistische Kampf - für Lenka der dornenreiche Weg nach Mexiko, wo sie viele Freunde auch aus der gemeinsamen politischen Arbeit in Prag wieder traf und mit ihnen den Widerstand gegen den internationalen Faschismus mitorganisierte, für meine Eltern das Engagement in der Résistance in Frankreich.

Im Nachruf des Auswärtige Amt für Lenka Reinerova heißt es u. a.:

„1916 in einer deutschsprachigen jüdischen Familie tschechischer Nationalität in Prag geboren, floh Reinerova 1939 nach Frankreich. Sie überstand den Zweiten Weltkrieg im Exil in Mexiko im Kreis um den Schriftsteller Egon Erwin Kisch. Ihre Familie wurde von den Nazis ermordet. Nach Ende des Krieges kehrte sie nach Prag zurück, wurde in den 50er-Jahren Opfer der stalinistischen Säuberungen und inhaftiert, 1964 zunächst rehabilitiert. Nach Beendigung des Prager Frühlings 1968 wurde sie aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und mit einem Publikationsverbot belegt. Seit 1989 veröffentlichte sie zahlreiche Werke, zuletzt ‚Das Geheimnis der letzten Minuten'."

Kein Wort über ihr Engagement gegen den Faschismus in Prag und Paris. Sie selbst schilderte ihren Aufenthalt in Mexiko und auch die Zeit von Gefängnis und Internierung in Frankreich und Marokko nicht mit der Passivität des Überstehens.

Noch rudimentärer und zugleich politisch in die Irre führend fällt der Nachruf bei Spiegel-online aus: „Während der deutschen Besetzung Prags lebte Reinerova in Mexiko im Exil. Nach ihrer Rückkehr in die tschechische Hauptstadt wurde sie wegen ‚politischer Unzuverlässigkeit' bis 1989 mit Veröffentlichungsverbot belegt."

In „Spiegel-Wissen - Das Lexikon der nächsten Generation" steht: „...seit 1948 wieder in Prag, wo sie Opfer der stalinistischen Säuberungen wurde; 1964 Rehabilitation; trat für einen neuen, demokratischeren Kommunismus ein und wurde daraufhin 1968 aus der KP ausgeschlossen sowie mit Schreib- und Publikationsverbot belegt; ihre Wiederentdeckung als Schriftstellerin erfolgte ab 1989."

Lücken und bewusste Falschmeldungen, die sich beliebig erweitern ließen. In der Bundesrepublik Deutschland wurde bis 1990 kein Buch von Lenka Reinerova veröffentlicht. In der DDR erschienen vor 1968 zwei Bücher, in den 80-er Jahren drei weitere Bücher. Nach 1968 konnte Lenka Reinerova in der CSSR nach meiner Kenntnis nicht publizieren, allerdings der Hinweis auf das Publikationsverbot ist zumindest bezüglich der DDR bewusst falsch.

Es ist eine bittere Tatsache, dass Lenka Reinerova sowohl in den 50er-Jahren unter falschen Anschuldigungen 15 Monate in Pancrac inhaftiert wurde (autobiografisch in: „Alle Farben der Sonne und der Nacht") wie auch nach 1968 schwerwiegenden und nicht zu rechtfertigenden Sanktionen unterlag.

In vielen ihrer Erzählungen, die immer einen persönlichen Hintergrund besitzen, vermittelt sie dem Leser auf unaufdringliche und eingängige Weise ihr Bekenntnis zu Humanismus und Antifaschismus. So wird ihre Zeit, bereichert um die vielfältigen Beziehungen, die sie insbesondere zu deutschsprachigen Intellektuellen in Prag hatte, auch künftigen Generationen erlebbar bleiben.

DRAFD sollte sich dafür einsetzen, dass die nicht mehr lieferbaren Titel, speziell „Grenze geschlossen" und „Ein für allemal" wieder zugänglich gemacht werden.

Es ist gut, wenn die offizielle Bundesrepublik Deutschland den Geist von Lenka Reinerova für sich reklamiert. Doch es kommt darauf an, dass dies nicht - wie oben beschrieben - selektiv und vom Antifaschismus entleert, geschieht.

Noch einmal Dank an Lenka Reinerova!

Charles Melis