Kurt Hälker

Diesen Tag erlebte ich als Hugo Erb im Kreise von 35 deutschen Antifaschisten, ehemaligen Spanienkämpfern, politischen Emigranten und Deserteuren der Wehrmacht, in einem geheimen Camp der US-Army in St. Germain-en-Laye, unweit von Paris. Anwesend auch einige amerikanische Offiziere und Sergeanten, die unsere Ausbilder waren. Ich war bis dahin, wie auch die übrigen, vorbereitet worden auf einen nicht exakt definierten Fallspringabsprung über Deutschland zur Verhinderung weiterer Verbrechen, etwa durch in Kurzschlusspanik geratener, sich auflösender geschlagener deutscher Armeen, speziell der SS.

Die deutsche Kapitulation kam freilich nicht überraschend für uns, löste aber dennoch große Freude und Genugtuung bei allen aus, wenn auch nach Feiern, vielleicht mit einem Gläschen in fröhlicher Runde, die Stimmung dafür fehlte. Zu sehr verspürten wir noch die Härte der Anstrengungen vergangener Wochen und Alkohol durfte bei uns eh nicht im Spiel sein. Unsere Gedanken waren schon mehr auf die nächste Zukunft gerichtet.

Meine Überlegungen waren, wie schnell und auf welchem Wege gelange ich nach Deutschland zurück? Wie komme ich schnellstens in Kontakt mit meinen Eltern und Geschwistern, für die ich als vermisst oder gar als gefallen gelten musste? Sie wussten zwar, dass ich mich dem Widerstand in Frankreich anzuschließen gedachte. Aber aus konspirativen Gründen, nicht zuletzt auch zu ihrem Schutze vor Sippenhaft, ließ ich sie über Einzelheiten im Ungewissen. Mich beschäftigte auch, was ich nach meiner Rückkehr tun kann um mit dafür zu sorgen, dass nie wieder so etwas Schreckliches im Namen Deutschlands passiert, wie in der jüngsten Vergangenheit. Dabei dachte ich, mich vorrangig einer antifaschistisch-demokratischen Erziehungsarbeit unter der Jugend zu widmen und meine Erlebnisse und Erfahrungen in diesen Dienst zu stellen. An diesem Tag des Sieges und der Befreiung war das noch lange ein Thema, besonders zwischen mir und meinen erfahrenen Kameraden Martin Kalb und Paul Hartmann, mit denen ich im Camp gemeinsam ein Zelt bewohnte.