Konrad Wolf

Er war erst neunzehn und erster Stadtkommandant von Bernau

Wladimir Gall aus Moskau erinnert sich an den Leutnant der Roten Armee Konrad Wolf

Ich begegnete Konrad Wolf zum ersten Mal im Sommer 1944 in der Westukraine, in einem kleinen Dorf bei Kowel, wo die Politabteilung der 47. Armee stationiert war. Dass der Sohn des bekannten Schriftstellers Friedrich Wolf, der nicht zuletzt durch sein antifaschistisches Theaterstück "Professor Mamlock" in der Sowjetunion ein Begriff geworden war und hohes Ansehen genoss, zu uns kommen würde, hatte ich zuvor im Stab der 1. Belorussischen Front erfahren. Die Familie hatte 1933 Deutschland verlassen müssen, um sich dem Zugriff der Nazischergen zu entziehen, und war 1934 nach Moskau gekommen. Von hier aus ging Konni nach dem Überfall Hitler-Deutschlands, ohne die Schule beendet zu haben, 1942 freiwillig an die Front. Da war er gerade 17 Jahre jung. In den Reihen der sowjetischen Armee legte er den schweren, dornigen Weg vom Vorgebirge des Kaukasus über die blutgetränkten Steppen der Ukraine, durch die zerstörten Städte und Dörfer des leidgeprüften Polens bis zu den Vororten Berlins zurück, kämpfte Schulter an Schulter mit uns Sowjetsoldaten mutig gegen die Nazihorden, die in unser Land eingefallen waren.
Ich war gespannt auf die Begegnung mit ihm. Und dann stand er vor mir: ein blutjunger Leutnant, fast noch ein Kind. Mit diesem ersten Tag unserer Bekanntschaft begann eine Freundschaft, die jahrzehntelang, bis zu seinem frühen Tod am 3. März 1982, dauern sollte.
Konni war der Jüngste in unserer Abteilung. Ich war sieben Jahre älter als er und empfand für ihn wie ein älterer Bruder. Er war aber auch der Liebling der ganzen Politabteilung der Armee. Es mag seltsam klingen, und doch war es so: Mitten im Krieg gegen Hitlerdeutschland war ein Deutscher unser aller Liebling. Die meisten (nicht alle, aber doch die meisten!) Sowjetmenschen setzten nie, nicht einmal in den schwersten Tagen des Krieges, das deutsche Volk mit dem deutschen Faschismus gleich. Gerade Konni und seinesgleichen ließen uns fühlen, dass es auch ein anderes Deutschland und andere Deutsche gab.
Trotz seiner Jugend leistete Konni eine große und verantwortungsvolle Arbeit. Er verhörte Kriegsgefangene, verfasste Flugblätter sowie Texte für Lautsprechersendungen, die er selbst an die deutschen Soldaten richtete. Das war eine schwere und gefährliche Aufgabe. Fast jede Nacht fuhren wir mit der Großlautsprecheranlage MGU, die auf einem Spezialwagen montiert war, zur Hauptkampflinie. In diesen Sendungen sagten wir den Wehrmachtssoldaten die Wahrheit über Krieg und Faschismus, riefen sie auf, den sinnlosen Widerstand einzustellen, die Waffen zu strecken, sich zu ergeben und damit ihr Leben zu retten, ehe es zu spät war. In der Regel war heftiges, ja mörderisches Artillerie- und Granatwerferfeuer die Antwort.
Das war, um ein Beispiel von vielen zu nennen, auch in der Nacht vom 24. zum 25. Dezember 1944 nicht anders. Unsere Truppen lagen am Ostufer der zugefrorenen Weichsel. Doch vor dem Überwinden des Flusses mussten unsere Truppen frische Kräfte sammeln. Zur Vorbereitung der neuen Offensive gehörte es auch, Angaben über die gegnerischen Verteidigungsstellungen zu erlangen; das Oberkommando der Front brauchte dazu bitternötig neue Gefangene, "Zungen", wie es im Militärjargon hieß. Doch alle dazu ausgesandten Stoßtruppunternehmen kehrten unverrichteterdinge zurück. Daraufhin setzte die "Obrigkeit" auf unsere 7. Abteilung: Vielleicht könnte es ja gelingen, mit unserer Lautsprecher-Agitation einen deutschen Soldaten zum Überlaufen zu bewegen. Die Hoffnung darauf war, offen gesagt, höchst gering; bisher hatten wir weiß Gott nicht so viele Überläufer. Aber man durfte natürlich nichts unversucht lassen.
Als Konni und ich abwechselnd über das Mikrofon zu sprechen begannen, wurden wir vom gegenüberliegenden Ufer mit einem wahren Geschosshagel eingedeckt. Plötzlich bemerkten wir aus unserer sicheren Deckung heraus auf dem Eis des Flusses einen Punkt, der sich auf uns zu bewegte. Die Leuchtspurgarben der deutschen Geschosse nahmen ihn ins Visier. Kein Zweifel, das war ein Überläufer! Der Punkt kam immer näher. Es war tatsächlich ein Wehrmachtssoldat auf dem Weg zu uns. Als er die Uferböschung emporgeklettert war, ließen wir den Überläufer erst einmal verschnaufen und baten ihn dann, sich über das Mikrofon an die Angehörigen seiner Einheit zu wenden. Das tat er dann auch. Er sprach seine Kameraden mit Namen an und rief ihnen zu: "Glaubt dem Kompaniechef kein Wort! Die Russen erschießen keine Gefangenen! Folgt meinem Beispiel!" Und dann geschah tatsächlich das Unwahrscheinliche: Abermals tauchte auf dem Eis ein dunkler Punkt auf. Abermals eröffneten die Deutschen das Feuer auf ihren Landsmann, der sich unserem Ufer mehr und mehr näherte. Allerdings ging es diesmal nicht so glatt wie beim ersten Überläufer. Kurz vor dem rettenden Ufer verließen den Soldaten die Kräfte; er blieb auf dem Eis liegen. Obwohl das gegnerische Feuer nicht nachließ, kroch Konni zu dem Landser und half ihm ungeachtet des Kugelhagels die rettende Böschung herauf - Ende gut, alles gut. Wir bekamen zwei Überläufer auf einmal ...
Zu einer anderen, für Konrad Wolfs Charakter nicht weniger typischen Begebenheit kam es am 22. April 1945, bei der Einnahme der Stadt Bernau durch unsere Truppen. Wir standen am Lautsprecherwagen, als neben uns ein Konvoi des Armeestabes hielt. Der Befehlshaber, Generalleutnant F. J. Perchorowitsch, begrüßte uns, wandte sich dann an Konrad Wolf und fragte ihn nach seiner Geburtsstadt. "Stuttgart kann ich dir leider nicht anbieten, dort sind die Amerikaner. Aber auch hier in Bernau wird ein Stadtkommandant gebraucht. - Kümmern Sie sich vor allem um die Lebensmittellager." Der General schrieb ein paar Worte auf ein Blatt Papier - die provisorische Ernennung. Er nahm sie entgegen und antwortete vorschriftsmäßig, ganz automatisch, aber seinem Gesicht war die allergrößte Verstörtheit anzusehen. Kein Wunder: Ein Neunzehnjähriger sollte, wenn auch nur für kurze Zeit, Kommandant einer soeben eroberten, noch völlig unruhigen Stadt werden.
Er überlegte einen Augenblick und ließ dann die Soldaten, die ihm nun unterstellt waren, Lebensmittellager sichern sowie Post- und Telegrafenamt besetzen. Ich musste weg, verabschiedete mich von dem frischgebackenen Kommandanten und fuhr ab. Doch ich weiß, was Konni an diesem einen Tag geleistet hat. Er ließ die Kommandantur einrichten, organisierte Patrouillen- und Postendienst und den Schutz der wichtigsten Objekte. Zugleich gelang es ihm, Kontakt mit der Bevölkerung aufzunehmen, einige Antifaschisten ausfindig zu machen und zur Lösung der dringendsten Aufgaben heranzuziehen. Auf dem Weg durch die kleine Stadt entdeckte er eine Frau, die sich aus dem Fenster ihrer Wohnung stürzen wollte. Konni reagierte blitzschnell, stürzte ins Haus und die Treppen hinauf, drang in die Wohnung ein und konnte im letzten Augenblick verhindern, dass die Frau, von der Goebbels-Propaganda völlig verstört, sich das Leben nahm. Die Nachricht von dieser beherzten Tat des jungen sowjetischen Kommandanten verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Stadt.
Am nächsten Tag übernahm der reguläre Stadtkommandant. Dem jungen Leutnant Konrad Wolf fiel ein riesengroßer Stein vom Herzen, vierundzwanzig Stunden Kommandant reichten ihm vollauf. Nun ging es weiter nach Berlin...