Henny Dreifuss

Die Befreiung erlebte ich am 3.September 1944 in Lyon. Kurz zuvor hatte die Wehrmacht noch die Brücken über die Rhone und die Saone in die Luft gesprengt und die französische Miliz schoss noch von den Dächern. Nie werde ich vergessen, wie ich in einem Hauseingang, in der rue de Brest, Zuflucht gesucht habe und mir, der Gedanke durch den Kopf ging, jetzt willst du doch nicht sterben. Die darauf folgenden Tage erlebte ich in einer FTP-MOI Einheit mit Teilnehmer am Widerstand aus verschiedenen Ländern Europas. Besonders beeindruckt war ich nun meine deutschen Gefährten aus dem illegalen Kampf kennen zu lernen. Ich wusste, dass es sie gibt, aber die konspirative Arbeit brachte auch mit sich, dass man nur diejenigen kannte, mit denen man unmittelbar zu tun hatte. Am 8. Mai 1945 war ich in Paris. Von den Räumen der Bewegung "Freies Deutschland", Boulevard Montmartre, sah man Massen von Menschen. In der ganzen Stadt pulsierte das Leben. Die Pariser Bevölkerung schien, überhaupt nicht mehr nach Hause zu gehen. Es waren unvergessliche Tage. Ich war glücklich und traurig zugleich. Glücklich, dass ich überlebt hatte, dass dieser grausame Krieg zu Ende und die Faschisten geschlagen waren und traurig bei dem Gedanken an all jene, die es nicht mehr erleben konnten. Die Ungewissheit plagte mich auch, was aus meinen Eltern und meinem Bruder geworden war. Die ersten Deportierten kamen zurück und berichteten über die unvorstellbaren Grausamkeiten der Nazis. Aber mit meinen gerade mal 21 Jahren war ich überzeugt, dass es nie mehr Krieg geben wird und es mit den Nazis für immer vorbei sei. Ich war fest entschlossen nach Deutschland zurückzukehren, um eine demokratische Zukunft mit aufzubauen.