"Einer der schönsten Tage meines Lebens"

Heinz Keßler erinnert sich an das Wiedersehen mit seiner Mutter im Juni 1945

Der für die Völker Europas und der Welt von Hitlerdeutschland begonnene furchtbare Raubkrieg hatte ein Ende gefunden. Nach meiner Rückkehr von der sowjetisch-deutschen Front nach Deutschland wurde ich als Leiter des Hauptjugendausschusses beim Magistrat von Berlin berufen. In den ersten Junitagen 1945 rief mich ein Genosse an, es war der spätere Vorsitzende der KPD Max Reimann, und sagte mir: "Deine Mutter lebt, ich weiß, wo sie ist, nämlich dort, wo auch meine Anverwandten sind. Mach dich fertig, ich hole dich ab und wir fahren dorthin." Wir fuhren in den Berliner Stadtbezirk Tiergarten in eine Schule. Meine Mutter, eine vor 1933 schon aktive Antifaschistin und Kommunistin, war im Sommer 1941, nachdem ich auf die Seite der sowjetischen Armee übergegangen war, in das berüchtigte größte Frauenkonzentrationslager deportiert worden. Beim Herannähern der Sowjetarmee hatten sich die Naziaufseherinnen zivile Kleidung angelegt und die noch lebenden Insassen des KZ zwischen die Fronten getrieben. Auf einem langen entbehrungsvollen Marsch wurden sie schließlich von den sowjetischen Truppen in Gewahrsam genommen und in diese Schule gebracht. Nach deren Identifizierung wurden einige Angehörige, wie z. B. der obengenannte Genosse, informiert. Nach Ankunft in der Schule stand meine Mutter mir und ich ihr nach vielen Jahren das erste Mal wieder gegenüber. Wir umarmten uns und schämten uns unserer Tränen nicht. Meine Mutter, abgehärmt, erzählte mir brockenweise von den psychischen und physischen Demütigungen, von den Quälerein, von den vielen KZ-Insassen, die durch die faschistischen Aufseherinnen und Aufseher ums Leben kamen, tiefbewegt und erschüttert. Sie gab ihrer Freude Ausdruck und verhehlte nicht ihren Stolz darüber, dass ich nicht zuletzt der durch sie erfahrene Erziehung den antifaschistischen Ideen treu geblieben bin und mich mit meinen bescheidenen Mitteln an der Seite der Sowjetarmee am Kampf gegen die Hitlerbarbarei unter Einsatz aller meiner Möglichkeiten beteiligt hatte. Ich selbst konnte neben meiner unendlichen Freude, meine Mutter wieder in den Armen zu halten, meine große Hochachtung vor dieser Frau, der Antifaschistin, Kommunistin nicht verbergen. Es war vielleicht rückblickend einer der erlebnisreichsten und schönsten Tage meines Lebens. Ich versuchte sie zu überzeugen, hier in Berlin zu bleiben, um nach ihrer psychischen und physischen Gesundung am Aufbau der antifaschistischen demokratischen Ordnung teilzunehmen. Sie versagte mir diesen Wunsch und erklärte, dass sie an ihre frühere politische Wirkungsstätte, wo ja auch meine Schwester Ruth lebte, nach Chemitz zurückkehren wollte. Das fand bei mir Verständnis. Sowie ihre physischen Kräfte sich stabilisiert hatten, nahm sie teil am Aufbau der KPD, wirkte mit bei der Vereinigung von SPD und KPD und leistete, wie mir viele Genossen und Genossinnen bestätigten und ich bei meinen Besuchen in Chemitz/Karl-Marx-Stadt selbst feststellen konnte vor allem im sozial-politischen Bereich in der Stadt und im Bezirk eine verantwortungsvolle umfangreiche Arbeit. Ihre besondere Aufmerksamkeit widmete sie der Vermittlung ihrer politischen und Lebenserfahrungen den Kindern und den Jugendlichen. Es war ihre feste Überzeugung, dass die Eltern im allgemeinen und die Mütter im besonderen eine riesige Verantwortung dafür tragen, dass die heranwachsende Generation im humanitären Sinne erzogen, frei sein müsse von jeglichen Rassismus und lernen müsse für die Rechte der Jugend, der werktätigen Menschen zu kämpfen. Besonders lag ihr am Herzen sich niemals dafür herzugeben, für die kapitalistische Gesellschaft Eroberungskriege durchzuführen. Und so setzten wir wie sie mich gelehrt hatte und ich selbst erfahren und gelernt hatte unsere gesellschaftliche Tätigkeit für die Sicherung des Friedens gegen Eroberungskriege fort. Aus dieser Sicht hatte sich der Kreis mit einer prächtigen und mutigen Frau, meiner Mutter Hedwig Keßler und mir, den zum Antifaschisten gereiften und Kommunisten gewordenen Menschen, geschlossen.