Harald Hausers - Erinnerung an Weggefährten des antifaschistischen Widerstandes

Mit dem Lautsprecher in vorderster Linie

Zum Gedenken an den 10. Todestag Harald Hausers alias Jean Louis Maurel


In der DRAFD-Information Juli/August 2004 sind eindrückliche Beiträge über die Nachwirkungen des Kampfes deutscher Antifaschisten in der Résistance erschienen - nicht zufällig im zeitlichen Umfeld der Eröffnung der "Zweiten Front" in Frankreich und zugleich als Zeichen dafür, dass im heutigen Frankreich nationale, aber auch politisch-weltanschauliche Vorbehalte gegenüber deutschen Antifaschisten keine Rolle mehr spielen.
In diesem Zusammenhang war auch im zeitlichen Umfeld seines zehnten Todestages eines Mannes zu gedenken, der in vielen Bereichen des antifaschistischen Kampfes und der Résistance, nicht zuletzt in der politischen Organisation und publizistischen Ausstrahlung dieses Kampfes, eine prägende Rolle gespielt hat: Harald Hauser, gestorben am 6. August 1994.
In meinem 1982 und 1988 erschienenem Buch "Die Hauser-Chronik" habe ich Harald Hausers Weg im Geflecht einer großen, von allen Erscheinungsformen der rassistischen Verfolgung tief getroffenen Familie eingehend beschrieben. Das bedeutete für die Zeit des Zweiten Weltkrieges: Eintritt des deutschen Emigranten in ein Marschregiment ausländischer Freiwilliger (Volontaires Étrangers) im April 1940, unmittelbare Beteiligung am militärischen Kampf, Demobilisierung Anfang August 1940, im unbesetzten Frankreich eine neue Identität suchend, als Sport- und Sprachlehrer in Mende ( Gouv. Lozére) tätig - dies zusammen mit seiner damaligen Frau Edith, die er im Spätsommer 1940 wieder traf, Sprachlehrer u.a. für den einflussreichen Unternehmer Coureau, der zum gaullistischen Flügel des Widerstandes gehörte und nach der Besetzung auch von "Vichy-Frankreich" Hauser und seiner Frau eine - jedenfalls zunächst - nicht ganz korrekte französische Identitätskarte (Jean Louis Maurel) und vor allem Arbeitsplätze in seinen Betrieben, zuletzt in Paris, beschaffte.
In Paris trat Hauser Ende 1943 in das politische Zentrum der deutschen Antifaschisten im Umfeld von Otto Niebergall, Präsident des Komitees der Bewegung "Freies Deutschland" für den Westen, ein. Er als Redakteur von "Volk und Vaterland", dem Organ der Bewegung, und Edith Hauser als persönliche Mitstreiterin des Präsidenten. "Wir mieteten uns", so Harald Hauser, "in einer kleinen bescheidenen Villa in St. Cloud ein, deren Besitzer - verarmte Adlige - den ersten Stock bewohnten, während das Paterre von der deutschen Kommandantur in St. Cloud als Wohnung für fünf Offiziere requiriert war." Dort schrieb er seine Artikel für "Volk und Vaterland" und unzählige Flugblätter.
Auf dem Höhepunkt des Kampfes um die Befreiung von Paris wandte sich Hauser über den gerade erst von französischen Widerstandskämpfern eroberten Sender Paris an die deutschen Soldaten "zur Bewegung Freies Deutschland ... überzugehen oder sich den alliierten Truppen zu ergeben...".
Nach der Befreiung konzentrierte sich die Arbeit Hausers zusätzlich auf die Orientierung der deutschen Kriegsgefangenen, zumal über die Zeitung wie über die Sender Paris und Toulouse, dann aber auch auf die Verbreitung der antifaschistischen Front sowohl unter den Deutschen wie in der Kooperation mit den verschiedenen Zweigen der Résistance. Dies spiegelt sich einerseits in der Zusammensetzung der über 120 Mitglieder und Bevollmächtigten des CALPO - Comité "Allemagne Libre" pour l'Ouest-: 17 KPD, 18 SPD, 15 Zentrum, 11 Deutsche Demokratische Partei, auch einige Volksparteiler und Deutschnationale. Sowohl in der illegalen wie nach der Befreiung in der legalen Zeit war Hauser Generalsekretär. Andererseits wurde im November 1944 anlässlich einer Informationskonferenz von CALPO die Nähe unterschiedlicher antifaschistischer Kräfte unter Deutschen und Franzosen demonstrativ deutlich. Unter anderem nahmen an ihr der Kommunist Pierre Villion, der Jesuitenpater Chaillet von der einflußreichen Zeitschrift "Témoignage Chrétien" und der reformierte Pfarrer Paul Conord ( der übrigens 1954 zum Leipziger Kirchentag kam) teil - Ausdruck der Einheit der Antifaschisten über nationale und weltanschauliche Grenzen hinweg.
Auch in der Intensität des Widerstandes in Frankreich stand Harald Hauser durch glückliche Umstände in regelmäßiger Verbindung mit seinem in der englischen Emigration lebenden Vater, dem Sozialdemokraten und Aktivisten der Deutschen Friedensgesellschaft, Prof. Dr. Wilhelm Hauser, der nach der Entlassung aus zeitweiliger Internierung als Gymnasiallehrer für Mathematik, zuletzt bis zu seiner frühen Rückkehr 1946, in Newcastle, wirken konnte. Über seine Sohn und Jürgen Kuczynski - dessen 100. Geburtstag im September zu begehen war - kam Wilhelm Hauser in Kontakt mit dem "Free German Movement in Great Britain", an dessen Aktivitäten er sich, immer von seinem Sohn inspiriert, in der Provinz beteiligte. Es entspricht dem pädagogischen Eros des Antifaschisten Wilhelm Hauser, dass er - auch als Dank an das Land, das ihn aufgenommen hatte - in der Zeit in Newcastle ( der Direktor der Schule hat es wiederholt hervorgehoben) keine einzige Stunde hatte ausfallen lassen.
Es gibt ein bemerkenswertes Zeugnis für das Engagement Harald Hausers und des Kameraden Brunner von französischer Seite. Am 15. Mai 1945 bekundete Maurice Gravier, Sektionschef für psychologische Kriegsführung der Französischen Streitkräfte des Innern (FFI), beide hätten durch ihre Radioansprachen über den Sender BIR HAKEIM große Teile "der in den Atlantikkesseln eingeschlossenen Mannschaften und insbesondere der Offiziere" erreicht. "Ihr unablässiger Einsatz bei den Lautsprecheraktivitäten in vorderster Linie beweist ihren Mut. Ihre Bemühungen wurden durch unmittelbaren Erfolg gekrönt (41 Desertationen nach den ersten Sendungen, über 150 Desertationen insgesamt in den drei Kesseln der Loire)... Auf diese Weise wurden sowohl auf deutscher wie auf französischer Seite Menschenleben gerettet..."
Harald Hauser ist immer auch ein wenig Jean Louis Maurel geblieben - und er starb dort, wo er für die Befreiung vom Faschismus in herausragender Weise sich eingesetzt hatte, in Frankreich.
Prof. Dr. Günter Wirth