Gerhard Zadek

"War in Europa ended to day" - Der Krieg in Europa endete heute. Mit dieser Schlagzeile begrüßte die Abendzeitung "Manchester Evening News" am Morgen des 8. Mai 1945 ihre Leser. Natürlich ahnten wir Emigranten und auch alle anderen Bürgern nach dem erfolgreichen Vordringen der alliierten Armeen im Osten und Westen das baldige Ende. Jetzt war der V-Tag gekommen, auf den wir sehnsüchtig gewartet hatten.

Es war der Tag der Gewissheit, "unsere Jungs" aus der FDJ (GB), die in der britischen Armee mit in der Normandie im Einsatz waren, werden zurückkommen, darunter auch mein Schwager Joachim, einer aus der UK-Luftwaffeneinheiten. Schwer verletzt, doch am Leben.

Es war der Tag des Lichts. Das Ende der fünfjährigen Verdunkelung der Häuser und der Stadt. Manchester, die große Industrie- und Hafenstadt in Lancashire, hatte keine Bedrohung aus der Luft von Görings Luftwaffe mehr zu befürchten. Nichts hielt uns mehr im Haus, eines der kleinen üblichen Reihenhäuser, nicht sehr weit vom Stadtzentrum entfernt. An der Türschwelle erwischte mich ein Melder unserer "Home Guard", der ich seit Jahren angehörte.


In Manchester strömten die Menschen zum Stadtzentrum, den Piccadilly oder dem Peter-Square. Überall Jubel und Freudentränen. Die uralten Straßenbahnen, die roten Autobusse oder die Bierwagen waren geschmückt mit Königskrone und den Fahnen der Alliierten. Jeder in Uniform wurde umarmt, geküsst oder in den Kneipen aufgefordert, auf ein Bier anzustoßen.

Den Fußmarsch ins Stadtzentrum hatte keine Partei, Gewerkschaft oder Massenorganisation angesetzt. Es war eine Bewegung ausgelassener, begeisterter und friedenssehnsüchtiger Menschen.


Gerhard Zadek