Gerhard Leo

Das erste, was ich an diesem denkwürdigen 8. Mai 1945 sah, als ich früh morgens aus dem Fenster meines Zimmers blickte, war ein Demonstrationszug, von Trikoloren und roten Fahnen umrahmt, der sich vor einem Betrieb auf der anderen Seite der Strasse sammelte. Es war in Cognac, einem kleinen, durch seine Weinbrandproduktion berühmten Städtchen in der französischen Charente. Hier hatte sich unter General de Larminat das Kommando der französischen Truppen eingerichtet, die um die drei am Atlantik verbliebenen Stützpunkte der Nazi-Wehrmacht massiert waren: La Rochelle, Royan und Pointe de Graves. Ganz Frankreich war bereits befreit, aber in den drei letzten Nazi-Festungen hatten sich, durch starke Artillerie und Betonbunker abgeschirmt, einige Tausend deutsche Soldaten gehalten. Ich gehörte einer Gruppe deutscher Antifaschisten unter der Leitung von Herbert Lünz an, die in der Sektion "Psychologischer Krieg" des französischen Militärkommandos unsere Landsleute in den Stützpunkten durch Radiosendungen, Flugblätter und Lautsprecheraktionen an der Front über ihre wirkliche Lage aufgeklärt und ihnen dringend geraten hatten, ihr Leben in den letzten Monaten des Krieges nicht mehr für die verbrecherische Naziführung zu opfern.

In den Redaktionsräumen unserer Radiostation konnte ich wenig später eine Mitteilung der Chefs der Sektion, Hauptmann Gravier, lesen, der uns informierte, dass die Kommandeure der Nazi-Truppen in allen drei Stützpunkten der bedingungslosen Kapitulation in der Nacht  zugestimmt haben und alles deute auf eine kampflose Übergabe in den Vormittagsstunden hin.

Ich weiß noch, dass ich mich wie auf einer Wolke schwebend fühlte. Der schreckliche Krieg war nun zu Ende. Auch ich hatte illegale Arbeit, Haft bei den Besatzungsbehörden, Partisanentätigkeit überstanden und ein neues Leben lag vor mir. Nach unserer letzten Sendung für die Soldaten der Kessel mischten wir uns unter die Bevölkerung von Cognac. Vor vielen Lokalen waren Tische und Bänke aufgestellt. Auf mehreren Plätzen wurde getanzt. Cognac feierte den Sieg der Völker und wir, einige deutsche Antifaschisten, durften dabei sein.