Gerhard Dengler

Als wir im Laufe des Tages von der Kapitulation der Nazi-Wehrmacht in Berlin-Karlshorst Kenntnis erhielten, bemächtige sich uns eine große Erregung. Natürlich überwog zunächst die Freude über den großartigen Sieg der Alliierten, vor allem der Roten Armee, über Hitlerdeutschland und den endlichen Beginn des Friedens. Nun war der Weg frei für ein neues, ein demokratisches Deutschland. Aber natürlich mischte sich darin auch die bange Frage, was werden wir in dem im Krieg zerstörten Deutschland wiederfinden, wie ist jetzt die Haltung der Deutschen, die in ihrer Mehrheit Hitlers totalen Krieg mitgetragen hatten?

Am Abend kamen unsere sowjetischen Freunde gemeinsam mit Genossen aus Moskau zu einer Siegesfeier ins Hauptquartier des NKFD nach Lunowo. Es gab ein opulentes Mahl und viel Wodka. Unter den Genossen aus Moskau war zu meiner großen Freude auch mein Seminarleiter aus der Zentralen Antifaschule, Herman Matern. Von den Genossen erfuhren wir, dass die Frontbeauftragten des NKFD, die mit der Roten Armee wieder nach Deutschland gekommen waren, nun schon als Bürgermeister oder Landräte eingesetzt waren. Das erweckte natürlich unseren Neid und die Frage, wann werden wir Deutschland wiedersehen? Dieses Thema war auch der Gegenstand eines Gesprächs, das wir am nächsten Tag mit Wilhelm Pieck hatten. Er dämpfte unsere Ungeduld und meinte, wir sollten die Zeit weiter nutzen, gut den Marxismus zu studieren und Arbeit würde es für uns in Deutschland noch genug geben.  Wenige Monate später war es dann soweit. Einen Tag nach Ende der Potsdamer Konferenz stiegen wir dann in Berlin-Johannisthal aus dem Flugzeug, das uns über Warschau nach Deutschland gebracht hatte. Nun waren wir zurück aus Krieg und Kriegsgefangenschaft und jetzt begann für uns ein völlig neues Leben.