Fritz Straube

Die letzten Tage des Krieges erlebte ich Anfang Mai 1945 in Berlin. Ich war Leutnant der Roten Armee und hatte den Weg von Russland bis in die deutsche Hauptstadt zurückgelegt. In Berlin tobten noch immer erbitterte Häuserkämpfe und der 1. Mai, als ein ersehntes Datum für das Ende des Krieges, war vorbei. Am 2. Mai befand ich mich um die Mittagszeit mit meinem Kampfgefährten Oberleutnant Krupski unterwegs nach Karlshorst. Plötzlich wurde uns bewusst, dass kein Geschützdonner mehr zu hören war. Aber bald verbreitete sich in Windeseile die Nachricht, dass die Berliner Garnison kapituliert.

Anstelle des Kampflärms ertönte neues Schießen: Freudenschüsse sowjetischer Soldaten. Sie riefen: Der Krieg ist aus - Hitler kaputt. Man umarmte sich weinte und tanzte. Am nächsten tag wollten wir mit unserem Wagen ins Zentrum fahren, mussten aber ab Schlesischen Bahnhof wegen der Trümmer zu Fuß weitergehen. Sowjetische Soldaten strömten zum Reichstagsgebäude. Wir wussten alle, dort wird, wie lange verkündet, die Siegesfahne wehen. Viele Rotarmisten schrieben ihre Namen auf das Gemäuer. Dann gingen Krupski und ich zur "Höhle des Löwen", zur nahe gelegenen Reichskanzlei. Wir sahen das monströse Arbeitszimmer Hitlers mit den wuchtigen, hakenkreuzverzierten Möbeln und den langen Konferenztisch. Da Krupski seinen Ausweis als Sicherheitsoffizier vorwies, konnten wir auch den abgesperrten Teil des Hofes betreten, wo sowjetische Sicherheitskräfte begonnen hatten, die sterblichen Reste der Nazigrößen zu identifizieren. Hier wurde uns endgültig bewusst: Wir haben gesiegt. Das dritte Reich und der Faschismus sind zerschmettert.

Den 8. Mai beging ich in der Freude darüber, dass in Europa nun überall die Waffen schwiegen und der Krieg auch förmlich sein Ende gefunden hatte. Doch der 2. und 3. Mai waren und blieben für mich das tiefste emotionale Erlebnis des Sieges. Mich beherrschte das Gefühl: Nun wird sich trotz Trümmer, Blut und Elend ein Weg auftun für ein neues, besseres Deutschland.