Ernst Melis

Für den 8. Mai 1945 hatte das Befreiungskomitee der Stadt Vénissieux ehemalige Kämpfer zu einer feierlichen Zusammenkunft eingeladen. Auch von unsere Gruppe der Carmagnole-Liberté wurde einen kleine Delegation angefordert. Werner Schwarze, die Lettin Nadja Ostrowsky und ich sollten daran teilnehmen. Das haben wir auch gemacht. In der Stadt herrschte großer Trubel. Das Komitee hatte alle ehemaligen Befreiungskämpfer aufgerufen, in Vénissieux eine Parade durchzuführen. Ein- bis Zweihundert kamen zusammen und marschierten auf der Straße in die Stadt ein, auf der sie auch im August 1944 in die Stadt kamen und sie eroberten. Der Oberstleutnant Norbert Kugler nahm auf der Straße, die frührer Industriestraße hieß und in der Zeit von August 1944 bis Mitte 1945 in Rue Norbert Kugler umbenannt wurden war, die Parade ab.

Nach der Parade fand auf einer kleinen improvisierten Bühne gemeinsam mit Vertretern des Befreiungskomitees der Stadt eine Versammlung statt, wobei die besten Kämpfer der Carmagnole-Liberté ausgezeichnet wurden. Unter den Geehrten war auch Marcel Grünberg, der mit 17 Jahren der jüngste Kämpfer war. Sein Mut und seine Tapferkeit wurden von Norbert Kugler hervorgehoben. In der Stadt fanden noch die letzten Kämpfe statt, denn die Wehrmacht und ihre Handlanger wollten nicht so einfach das Feld räumen. Schließlich aber war die Stadt am 28. August 1944 befreit.

Am 8. Mai 1945 bejubelten wir das Ende des Krieges. Endlich waren die Nazis niedergerungen. Nach der Parade feierten wir gemeinsam mit den Kämpfern der Carmagnole-Liberté und den Bewohnern der Stadt mit allem, was dazugehört. Es wurde getanzt und gelacht. So haben wir den 8. Mai verbracht.

Die Erinnerung an diesen Tag ist bei den älteren Bewohnern der Stadt noch lebendig. Das haben wir bei unseren Gesprächen mit ihnen 1994, zum 50. Jahrestag der Befreiung, gespürt. Eine Gruppe von etwa 40 deutschen Antifaschisten war zu den Feierlichkeiten der Stadt eingeladen worden. Norbert Kugler wird auch heute noch als Befreier der Stadt geehrt. Nicht nur eine Straße wurde nach ihm benannt. Auf dem Marktplatz erinnert auch eine Stele an den Oberstleutnant und den von ihm geführten Befreiungskampf.