Elvira Eisenschneider

Erinnerung an Weggefährten des antifaschistischen Widerstandes

"Damit unsere Träume in Erfüllung gehen"

Elvira Eisenschneider wollte mithelfen, das Kriegsende zu beschleunigen. Sie wurde nur 20 Jahre alt.

 

Auf Elvira Eisenschneider trifft zu, was Stephan Hermlin 1951 über eine andere junge deutsche Antifaschistin im Dienste der sowjetischen Aufklärung schrieb: Wie Käte (Katja) Niederkirchner ging sie "den Weg, der den Kindern in klassenbewussten Arbeiterfamilien vorgezeichnet war." Im Vorwort zu seinem Band "Die erste Reihe" mit rund 30 Lebensbildern junger Widerstandskämpfer schrieb er 1951: "Sie waren nicht dazu geboren worden, jung einen schweren Tod zu sterben. Sie waren nicht als Helden geboren. Sie waren einfache Menschen, die wie alle anderen Menschen ihre Eltern, ihre Frauen und Männer, ihre Kinder, ihre Freunde liebten. Sie liebten ihren Heimatort, ihre Straße, ihr Land ... alles noch Unbekannte, zu Erwartende, die Zukunft. Aber was sie von anderen Menschen unterscheidet, ist, dass sie das alles um einen Grad heißer, bewußter liebten als diese anderen. Daher waren sie fähig, für das alles zu kämpfen. Und weil sie den Tod hassten, aber nicht fürchteten, waren sie imstande, für das Leben zu sterben, für jenes Leben, das für andere nur Wirklichkeit werden konnte, wenn sie bereit waren, in den Tod zu gehen."

Ob der Dichter damals vom Schicksal der Elvira Eisenschneider wusste, sei dahingestellt. Sie galt noch lange Jahre später als "verschollen"; ihre Spuren verloren sich im Jahr 1944. Und wie viele Spuren hinterlässt ein so junges Mädchen schon der Nachwelt in gerade mal 20 Lebensjahren? Da sind das Geburtsdatum - der 22. April 1924 - und der Geburtsort: Fischbach an der Nahe im Pfälzischen. Da sind die Angaben über die Eltern: Ella und Paul Eisenschneider, beide Mitglieder der KPD. Der Vater, gelernter Edelsteinschleifer, hinterließ seine Spuren als Roter Matrose in den Tagen der Novemberrevolution wie später, in den 20er-Jahren, als Leiter des KPD-Unterbezirks Birkenfeld, Mitglied der Bezirksleitung Rhein-Saar und Landtagsabgeordneter seiner Partei (1932). Aus jener Zeit überliefert ist ein Leserbrief der damals siebenjährigen Elvira, den die regionale Parteizeitung kurz vor Weihnachten 1931 in ihrer Rubrik "Ecke für proletarische Kinder" zum Thema Wünsche veröffentlichte: "Wie ich noch kleiner war, hätte ich immer gern einen (Weihnachtsbaum) gehabt. Die anderen Kinder hatten einen Baum mit glänzenden Lichtern, und ich war darauf neidisch ... Jetzt bin ich nicht mehr neidisch, sondern stolz, dass mich nicht meine Eltern belügen, dass alles von einem Christkind kommen tut." Und über die Zukunft schreibt sie: "Ich will Kommunist werden wie meine Eltern. Dadurch wird es wieder besser, und Vati verdient wieder und kann uns schenken, was wir brauchen."

Nach der Machtübergabe an die Hitler-Partei taucht der Vater im Saarland unter; auf der Suche nach ihm wird Elviras Mutter von Nazi-Schergen 1934 so schwer misshandelt, dass sie bleibende gesundheitliche Schäden davonträgt. Kampfgefährten helfen den Verfolgten bei der Flucht. Über Frankreich und Großbritannien gelangen sie im Herbst 1935 in die Sowjetunion. Während der Vater nach einem Besuch der Komintern-Schule in Moskau Anfang 1936 zur Illegalen Arbeit nach Deutschland zurückkehrt (wo er im November 1936 verhaftet und vom "Volksgerichtshof" zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt wird) und die Mutter in die Obhut sowjetischer Ärzte kommt, wächst die Tochter wohlbehütet im Internationalen Kinderheim der Komintern in Iwanowo auf. Hier absolviert Elvira die 10. Klasse, wird Komsomol-Mitglied und bereitet sich auf ein Studium am Literaturwissenschaftlichen Institut in Moskau vor.

Der Überfall Hitler-Deutschlands durchkreuzt alle Zukunftspläne. Statt dessen gibt sie sowjetischen Offizieren Deutschunterricht und begleitet im Herbst als Sanitäterin einen Evakuierungstransport von Moskau nach Tscheljabinsk. Unmittelbar nach ihrem 18. Geburtstag meldet Elvira sich zur Roten Armee und erklärt sich bereit, wie der Vater illegal nach Deutschland zurückzukehren. Über die folgende Ausbildung zur Fallschirmspringerin und Aufklärerin ist nicht viel mehr bekannt als der Besuch einer Spezialschule in der Nähe Moskaus; vermerkt sind zudem einige Partisaneneinsätze hinter der Front. Darüber findet sich - natürlich -  kaum ein Wort in den 19 erhalten gebliebenen Briefen, die "Elfchen"  zwischen Frühjahr 1942 und 1943 ihrem geliebten "Muttelchen" schrieb. Höchstens mal ein verklausulierter Hinweis: "Wenn ich zurückkomme, werde ich ein vollkommen erwachsener Mensch sein, dann werde ich Dich zu mir nehmen, und wir werden glücklich zusammen leben ... Doch Du weißt ja selbst, damit unsere Träume in Erfüllung gehen, und nicht nur unsere eigenen Träume, sondern Träume von Millionen Menschen, müssen wir zuerst Hitler schlagen. Darum müssen wir jetzt noch viel Leid ertragen ..." - "Wenn wir die verwünschten Hitlernazis zusammengeschlagen haben, wird wieder ein richtiges Leben anfangen ... Du bist ja mein bester Freund und musst verstehen, dass man in solcher Zeit alles Persönliche abwirft und sich ganz der Verteidigung der Sowjetunion hingibt ..." Anfang 1943 schreibt sie: "Wir haben hier einen Generalstab gebildet, das heißt, wir haben zwei Landkarten und unterstreichen fleißig die neu eingenommenen Städte. Dann haben wir mit roten Fähnchen die Frontlinie markiert und streiten uns, welche Punkte die Rote Armee zunächst befreien wird ... Bis dieser Brief zu Dir kommt, ist die Rote Armee bestimmt wieder tüchtig vorgerückt. Und je schneller die Rote Armee vorrückt, um so eher komme ich zu Dir, und nicht nur für einige Tage, nein, für immer... Nach dem Krieg wird alles wieder gut, und ich muss doch auch mithelfen, das Ende zu beschleunigen."

Der letzte Brief datiert vom 13. März 1943. Darin ist vom baldigen "Baden gehen" die Rede - eine wohl verabredete Umschreibung für den nächsten Einsatz hinter der Front. Dieser führt sie weiter als bisher - tief ins Hinterland der "Hitlernazis". Und es gelingt der inzwischen 19-JŠhrigen auch, sich ins geplante Zielgebiet, die heimatliche Pfalz, durchzuschlagen. Erste Funkkontakte belegen, dass Elvira Eisenschneider ihre Tätigkeit zur Unterstützung des illegalen Widerstandes aufnehmen konnte. Doch dann bricht der Kontakt ab... Wann und unter welchen Umständen sie den Faschisten in die Hände fiel, bleibt unbekannt. Über die Todesumstände gibt es widersprüchliche Angaben: Der Rostocker Historiker Karl Heinz Jahnke schrieb 1988 ("In einer Front: junge Deutsche an der Seite der Sowjetunion im Großen Vaterländischen Krieg"), dass Elvira "wahrscheinlich 1944 ermordet wurde. Dies kann zur gleichen Zeit geschehen sein, als ihr Vater am 19. April 1944 im KZ Mauthausen umgebracht wurde." In einer Festschrift von 1997 zum 125-jŠhrigen Jubiläum des Göttenbach-Gymnasiums in Idar-Oberstein, das Paul Eisenschneider einst besucht hatte, wird das KZ Oranienburg (Sachsenhausen?) als letzte Lebensstation seiner Tochter genannt: Danach soll sie im Februar 1944 im Ruhrgebiet verhaftet und am 6. April hingerichtet worden sein.

Peter Rau