Ein Patriot von Adel

Am 18. Juli 2007 verstarb Heinrich Graf von Einsiedel

Seine Mitstreiter Äußerten sich ganz unterschiedlich Über Heinrich Graf von Einsiedel, den jungen Vizepräsidenten des Nationalkomitees „Freies Deutschland". Für Walther von Seydlitz war er der unverschämteste junge Mann, der ihm je begegnet war. Für Ernst Hadermann war er der freieste Mensch, den er kannte. Sein unverblümtes Selbstbewusstsein, mehr noch seine unbestritten hohe Intelligenz, war den einen ebenso eine Tugend wie sie auf andere aufreizend wirkte.

Weniger seine Herkunft als seine Erziehung prägten ihn.

Am 26. Juli 1921 in Potsdam als Urenkel des Reichsgründers Otto von Bismarck zur Welt gekommen - väterlicherseits aus sächsischem Adel - sind die Gewissheiten seines Standes soeben abhanden gekommen. Hinzu treten die Umstände seiner Kindheit. Nach der frühen Scheidung der Eltern bleibt er mit den beiden Älteren Geschwistern bei seiner Mutter. Ihn begleiten die Empfindung, ein ungewolltes Kind zu sein. Anstelle der elterlichen Erziehung dominiert schon früh anderer Einfluss: Zunächst die Jugendbewegung, deren Prinzipien, ihn nachhaltig prägen, dann aber auch die Wirksamkeit von Mentoren. Hierzu gehört zunächst Horst von Petersdorff, ein begüterter, höchstdekorierter Haudegen des Ersten Weltkrieges und ein früher Finanzier der Nazibewegung. Petersdorff und seine Mutter lernen sich kennen und heiraten im Juni 1935. Zu Namen und Herkunft treten nun Wohlhabenheit und neue Kontakte. Im Grunewald errichtet Petersdorff ein Haus für die Familie. Hinzu kommen Petersdorffs Kontakte zur Naziprominenz. Am Obersalzberg besitzt er ein Haus. Einsiedel verbringt Silvester bei Ribbentrops. Er ist mit den Söhnen befreundet. Aber die Nähe zu den braunen Machthabern ist zwiespältig. Dennoch meldet er sich am 1. September 1939 - am Tage seiner mündlichen Abiturprüfung - freiwillig zur Wehrmacht. Er wird zum Jagdflieger ausgebildet, kommt zum renommierten 111. Jagdgeschwader „Udet". Zweimal selbst abgeschossen  gewinnt er binnen kurzer Zeit 36 Luftkämpfe. Einsiedel erhält das Deutsche Kreuz in Gold. Die Verleihung des Ritterkreuzes ist absehbar. Da wird er Ende August 1942 bei Stalingrad erneut abgeschossen, und beim ersten Gefangenenverhör traut der sowjetische Offizier kaum seinen Ohren, als er den Geburtsnamen von Einsiedels Mutter härt: Bismarck.

Ein erstes Flugblatt mit seiner Unterschrift erscheint. Einsiedel hofft, seiner Familie damit ein Lebenszeichen geben zu können, zumal der Ältere Bruder bereits gefallen ist. Im Frühsommer 1943 bereitet man die Gründung des Nationalkomitees „Freies Deutschland" vor, getragen von deutschen Emigranten und Kriegsgefangenen aus Stalingrad. Nun beginnt die Wirksamkeit eines weiteren Mentors. Der Hauptmann Dr. Ernst Hadermann, Studienrat aus Kassel, hochgebildeter Philologe, 1941 einer der ersten deutschen Offiziere in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, hatte sich bereits frühzeitig öffentlich von Hitler losgesagt und seine Kameraden zum Sturz des NS-Regimes aufgerufen. Hadermanns Intellektualität und Überzeugungskraft, seine Befähigung zum einfühlsamen Gespräch, wirken auch auf Einsiedel. Im Juli 1943 wird er als 29-jÄhriger dessen Vizepräsident. Er vertritt das Anliegen des Komitees, das patriotische Motiv des Sturzes Hitlers und der Beendigung des Krieges vor der totalen Niederlage, mit seiner eigenen Überzeugung. Nun aber helfen ihm Herkunft und Intellekt wenig. Ihm schlägt die unverhohlene Abneigung der Mehrheit der kriegsgefangenen deutschen Offiziere und Soldaten entgegen bis hin zum offenen Hass. Einsiedel bleibt bei allem Bekenntnis zum Marxismus unbequem. Er erkennt nach dem Besuch der Antifaschule den Widerspruch zwischen der marxistischen Theorie und der Praxis. Einsiedel nimmt mit Friedrich Wolf an der Frontarbeit des Nationalkomitees teil, erlebt mit Scham und Betroffenheit den Zustand von Land und Menschen nach dem deutschen Rückzug. Dann ist er mit Lew Kopelew in Ostpreußen, wird dort auch Augenzeuge von Racheakten vorrückender Sieger. Entsetzt und verstört berichtet er in Moskau dem Präsidenten des Nationalkomitees, Erich Weinert, von seinen Erlebnissen, um daraufhin hören zu müssen, er sei seiner Aufgabe nicht gewachsen.

1947 repatriiert man ihn. Er geht nach Berlin und wird Mitarbeiter der „Täglichen Rundschau", der Zeitung der sowjetischen Besatzungsmacht. Beim ersten Wiedersehen mit seiner Mutter in Wiesbaden verhaften ihn 1948 die Amerikaner. Es folgen monatelange Einzelhaft und erfolgloser Hungerstreik. Einsiedels Mutter wendet sich unterdessen brieflich an Hadermann, um Hilfe bei der Suche nach ihrem Sohn zu erhalten. Hadermann, inzwischen in leitender Stellung in Ost-Berlin tätig, schaltet die Presse ein, die sich des Themas annimmt. Schließlich wird Einsiedel in die Ostzone abgeschoben, wo man ihm auf Grund seines amerikanischen Gewahrsams mit Misstrauen begegnet. Eine bevorstehende Verhaftung befürchtend, geht er im Dezember 1948 nach West-Berlin.

Für viele seiner früheren Mitstreiter gilt er grundlos nun als Renegat, für Erich Weinert sogar als amerikanischer Agent. Allein Hadermann hält den Kontakt. Man korrespondiert Über Deckadressen miteinander. Einsiedel findet schließlich am Bodensee bei dem Schriftsteller Theodor Plievier Unterschlupf, der nach sowjetischem Exil und vorübergehender Tätigkeit in der Ostzone ebenfalls in den Westen gegangen ist, und beginnt die Niederschrift seiner Erinnerungen unter dem Titel „Tagebuch der Versuchung".

Nur wenige Mitglieder des Nationalkomitees und Offiziersbundes wählen bei ihrer Rückkehr den Weg nach Westdeutschland; die meisten hiervon distanzieren sich nachträglich oder bewahren Stillschweigen Über ihre Mitgliedschaft. Die weitgehend ungebrochenen Mentalitätsmuster in Adenauers Deutschland, auch die Kontinuität des Feindbildes gegenüber der Sowjetunion, zudem der begonnene Kalte Krieg, lassen die zurückliegende Zusammenarbeit als verwerflich, zumindest anrüchig erscheinen, jedenfalls hinderlich beim Aufbau einer Nachkriegsexistenz. Einsiedel bekennt sich indessen weiterhin öffentlich zum Nationalkomitee. Im Februar 1951 folgt er einer Einladung des Heimkehrerverbandes zu einer öffentlichen Veranstaltung im Stuttgarter Landtag Über sein „Tagebuch der Versuchung" sowie die Rolle von Komitee und Offiziersbund. Hier nun erlebt er unter tumultartigen Umständen den Hass früherer Mitgefangener.

In den folgenden Jahren wird es ruhiger um Einsiedel. Stets aber begleitet ihn das Odium des Verräters. Als er für eine Tätigkeit in der Redaktion einer süddeutschen Zeitung im Gespräch ist, scheitern seine Hoffnungen an der Bemerkung eines Herausgebers: Einsiedel dürfe nie wieder die Gelegenheit gegeben werden, sich in Deutschland politisch zu äußern.

Er arbeitet als Übersetzer, verfasst Drehbücher und Essays zu zeitgeschichtlichen Themen.

1978 darf er erstmals wieder in die DDR einreisen. Die Vermittlung Konrad Wolfs hat den Weg für eine Einladung der Akademie der Künste geebnet. Als Ende der 80er-Jahre in Westdeutschland die Diskussion um das Nationalkomitee erneut auflebt, vertritt Einsiedel in der Öffentlichkeit wiederum dessen Anliegen und erfährt abermals persönliche Anfeindungen. Zur Bundestagswahl 1994 kandidiert er als Parteiloser für die PDS in Sachsen. Nach einer jahrzehntelangen Zugehörigkeit zur SPD, die er von sich aus beendet hatte, will er seine Kandidatur als Beitrag zur inneren Einheit verstanden wisse. Seine Gegner sehen dies anders.

Seine letzten Jahre verbringt Einsiedel in München. Im Januar 2003 lädt ihn die Bundeswehr ein, wie es heißt, mit höchster Genehmigung. In der Vortragsveranstaltung einer Kaserne bei Ulm steht der Greis, noch immer von jugendlicher Statur, vor jungen Offizieren, es jährt sich zum 60. Mal der Tag, an dem das letzte deutsche Flugzeug den Kessel von Stalingrad verließ. Vielen Teilnehmern der Veranstaltung ist das Nationalkomitee unbekannt. Einsiedel berichtet von dessen Anliegen. Die jungen Männer in Uniform sind sichtlich berührt. Die Gespräche gehen bis in die tiefe Nacht hinein.

Eine beginnende schwere Erkrankung Ändert nichts an Einsiedels lebhaftem zeit- und tagesgeschichtlichem Interesse. Ein Thema treibt ihn um, bis in das letzte Gespräch: Beim Abschied, bereits in der Tür, kommt er auf die zeitgeschichtlichen Sendungen des Fernsehens zurück, die sich mit dem „Dritten Reich" beschäftigen. Ihn plagen Schuldgefühle, er kann es nicht verwinden, für die Verbrecherbande der Nationalsozialisten gekämpft zu haben. Damit steht er wohl abermals ziemlich allein.

Sein Leben lang steht er mit seinem ebenso sensiblen wie streitbaren Intellekt gegen Gesinnung und Stimmung, ist er Außenseiter, mit seinen eigenen Worten: Ein Unberührbarer. Auf ihn und seinesgleichen trifft die Bemerkung Heinrich Manns kurz vor dessen Tode zu: Er habe im voraus geschrieben, was aus Deutschland werden würde; und nachdem es so eingetroffen sei, rechne man es ihm an, als hätte er selbst es angerichtet.

Hanns-Peter Bruchhäuser

Heinrich Graf von Einsiedel, der 1942 bis 1945 als Vizepräsident des Nationalkomitees „Freies Deutschland" zu den aktivsten antifaschistischen Widerstandskämpfern gehörte, hat in vielfacher Weise das Wirken von DRAFD Überzeugend unterstützt. Darunter bei Veranstaltungen in Berlin wie auch in Moskau. Einen tiefen Eindruck hat auch sein letztes Auftreten aus Anlass der 65. Wiederkehr des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion hinterlassen. Mit großem Nachdruck bezeichnete er diesen 22. Juni 1941 als einen der dunkelsten Tage in der deutschen Geschichte. Begann doch mit ihm die Ausartung des vom NS-Regime entfesselten zweiten Weltkrieg in einen perfektionierten Völkermord und barbarischen Vernichtungsfeldzug, in das langfristig geplante größte Verbrechen, das durch nichts relativiert werden darf.

Prof. Dr. Hanns-Peter Bruchhäuser aus Kassel, ein langjähriger Freund von Heinrich von Einsiedel, hat uns einen Nachruf zu unserem am 18. Juli 2007 nach schwerer Krankheit verstorbenen  Kameraden zur Verfügung gestellt.