Cäsar v. Hofacker

Ab 1942, vor allem aber seit dem Herbst 1943 wurde für den Militärbefehlshaber in Frankreich, General Carl-Heinrich von Stülpnagel, ein Reserveoffizier zum wichtigsten Berater: Oberstleutnant Cäsar von Hofacker. Er gehörte zu den schärfsten Kritikern der unmenschlichen Auswüchse der deutschen Okkupationspolitik in Frankreich. Durch seine Verwandtschaft mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg hatte er enge Kontakte zu den Berliner Verschwörern gegen das NS-Regime. Hofacker entwickelte sich zu einem der wichtigsten Männer des militärischen Widerstandes an der Westfront. Das war dem 1896 Geborenen mitnichten in die Wiege gelegt worden.

Sein Vater, der württenbergische Generalleutnant Eberhard von Hofacker, war mit Albertine geb. Gräfin von Üxküll-Gyllenband, einer Tante des Claus von Stauffenberg, verheiratet. Im Jahr 1914 legte Cäsar von Hofacker in Frankfurt/Main sein Abitur ab und meldete sich nach Kriegsausbruch als Freiwilliger zur Kavallerie. Er wechselte dann aber zur Fliegerei und war als Aufklärer an mehreren Fronten im Einsatz. Noch im Dezember 1918 geriet der junge Oberleutnant nach der deutschen Kapitulation auf dem Balkan in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst 1920 heimkehrte. Noch im gleichen Jahr begann er ein Studium der Rechtswissenschaften. In Göttingen legte er 1923 sein erstes juristisches Staatsexamen ab und promovierte zum Doktor der Jurisprudenz. Nach dem Assessorexamen nahm er seine berufliche Arbeit zunächst bei der Handelskammer in Reutlingen auf, begann aber bereits 1927 eine Tätigkeit bei der Verwaltungsstelle der Vereinigten Stahlwerke in Berlin. Im selben Jahr heiratete er Lotte Pastor, die Tochter eines Seidenfabrikanten. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges blieb er bei den Vereinigten Stahlwerken, bei denen er 1938 zum Prokuristen aufstieg. Hofacker erwarb sich in komplizierten Wirtschaftsverhandlungen solide Kenntnisse über die europäische Stahlindustrie. Sein Spezialwissen sollte in der Folgezeit bei der Militärverwaltung in Frankreich zum Einsatz kommen, wo er die französische Stahlproduktion für die faschistische deutsche Rüstung nutzbar machen sollte.

Trotz seiner erfolgreichen Tätigkeit in der Wirtschaft galt Cäsar von Hofackers echte Leidenschaft der Politik, insbesondere der Außenpolitik. Trotz vieler Bemühungen gelang es ihm jedoch nicht, in den diplomatischen Dienst zu kommen, vermutlich wegen seiner konservativen politischen Denkweise. Dabei hatte ihn noch in seiner Studienzeit - er gehörte 1920 zu den Gründern des Nationalen Studentenbundes in Tübingen, einem Dachverband vorwiegend nationalistisch orientierter Studentenorganisationen - Hitlers Programm beeindruckt; teilte er doch mit der Mehrheit des deutschen Volkes dessen Kritik am Versailler Vertrag, vor allem die darin fixierten Gebietsabtrennungen und Souveränitätsbeschränkungen. Seine Berufserfahrungen bzw. ökonomischen Erkenntnisse führten jedoch zur Aufgabe der radikalen Positionen aus der Studienzeit. Hofacker tendierte nun zu einem ausgewogenen Nationalismus, der insbesondere einen sachlichen Ausgleich mit Frankreich beinhaltete.

Obwohl er noch Anfang der dreißiger Jahre zu den Sympathisanten Hitlers zählte, war er doch nie ein fanatischer Nationalsozialist. Seinen Eintritt in die NSDAP 1937 verband er mit der Hoffnung auf ein rasch aufblühendes Land. Er begrüßte die außenpolitischen Erfolge Hitlers bis zur Münchner Konferenz von 1938, verurteilte dann aber scharf die Außenpolitik des Diktators. Hofacker erkannte darin die Gefahr eines Weltkrieges mit unabsehbaren Folgen für das deutsche Volk. Ein entscheidender Schritt zum grundsätzlichen Wandel in seinem Denken war für ihn die brutale Verfolgung jüdischer Mitbürger in Berlin, die er in der November-Pogromnacht  1938 unmittelbar miterlebte einschließlich der danach verschärften gesetzlichen Verfolgung der Juden.

Seit 1938 kam er regelmäßig mit einem Freundeskreis zusammen, in dem offene Kritik am faschistischen deutschen Staat geäußert wurde. Einige seiner Gesprächspartner waren da  Männer wie Adam von Trott zu Solz, Peter Graf York von Wartenburg, Fritz-Dietlof von der Schulenburg oder Berthold Graf von Stauffenberg, die zu dem sich formierenden Verschwörerkreis gegen das Regime gehörten. Den Überfall auf Polen lehnte von Hofacker ab. Zu Recht befürchtete er den Ausbruch eines erneuten Weltkrieges. Bei Kriegsbeginn als Reserveoffizier reaktiviert, wurde er zunächst als Fliegerverbindungsoffizier eingesetzt. Nach der Okkupation Frankreichs leitete er ab Sommer 1940 in Paris beim Militärverwaltungsstab die Gruppe „Eisenschaffende Industrie und Gießereien". Die brutale deutsche Ausbeutungspolitik gegenüber Frankreich war in seiner Sicht ein unverantwortlicher politischer und wirtschaftlicher Schritt. Seine diesbezügliche Kritik führte Hofacker tiefer in die Opposition gegen die NS-Diktatur. Er bat um die Entbindung von seiner Verantwortung als Leiter der Außenstelle zentrale Planung im besetzten Frankreich.

Im Herbst 1943 erfolgte seine Versetzung als Stabsoffizier zum Militäroberbefehlshaber für Frankreich. Wenige Monate vor dieser Ernennung unterrichtete Fritz-Dietlof von der Schulenburg seinen Freund Hofacker bei einem Berlin-Besuch über die Pläne der Widerständler um den früheren Generalstabschef Ludwig Beck, zu denen auch General von Stülpnagel gehörte. Hofacker sah nur noch im aktiven Handeln gegen Hitler eine Chance, das Naziregime zu beseitigen. Ende Oktober 1943 erfuhr er in Berlin bei einem Gespräch mit seinem Vetter Claus von Stauffenberg erste Einzelheiten über den geplanten Sturz des Diktators. Stauffenberg forderte Hofacker auf, seine Dienststellung in Paris zu nutzen, um dort ein illegales Netz des Widerstandes aufzubauen. Der Oberstleutnant erklärte seine Bereitschaft zur Mitarbeit, forderte aber eine gewisse Eigenständigkeit seines illegalen Wirkens. In den folgenden Monaten bis zum Sommer 1944 entwickelte sich eine enge konspirative Zusammenarbeit zwischen beiden Vettern. Hofacker wurde für Stauffenberg zum wichtigsten Akteur des Widerstandes in Paris sowie Konsultationspartner zu allen Fragen, die Frankreich und die Situation an der Westfront betrafen. Nach dem Attentat war er als Verbindungsmann zur französischen Regierung in Vichy vorgesehen.

Durch Stauffenberg lernte Hofacker auch weitere Mitverschwörer  kennen. Entschlossen ging er daran, ein illegales Netz in Paris zu schaffen. Von Herbst 1943 bis Frühjahr 1944 arbeitete er hier Pläne für den Umsturz aus. Auf der Suche nach Verbündeten zur Vorbereitung des Umsturzes nahm Cäsar von Hofacker, der seit 1942 bereits Verbindungen zur französischen Resistance gehabt haben soll, auch Kontakt zu Angehörigen des Komitees „Freies Deutschland" für den Westen (CALPO) auf. über die Feldwebel Mathias Klein und Paul Gräfe, letzterer war Kraftfahrer beim Stab des Militärbefehlshabers in Frankreich, erhielt der Oberstleutnant Kontakt zum „Freien Deutschland". Es kam zu mehreren illegalen Treffs auch mit dem Präsidenten des Komitees, Otto Niebergall, in denen es um die Verantwortung aller patriotischen Kräfte für die rasche Beendigung des Krieges und zum Sturz Hitlers ging. Niebergall erläuterte dabei ausführlich die Ziele der Bewegung zur Sammlung aller deutschen Patrioten. C. von Hofacker betonte seine Übereinstimmung mit dem antifaschistischen Programm des Komitees. Sein erklärter Beitritt zum Komitee war bezeichnend für die Gesinnung des Oberstleutnants, alles Trennende der Widerständler zu überwinden und gemeinsam den Sturz der Diktatur herbeizuführen. Er informierte bei dieser Gelegenheit auch darüber, dass etwas gegen Hitler vorbereitet werde, nannte aber keine Einzelheiten über die Attentatsabsichten.

Die Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 verhinderte eine rechtzeitige Koordinierung von Aktionen zwischen dem Komitee "Freies Deutschland" für den Westen, der Resistance und der Widerstandsgruppe im Stab des Militärbefehlshabers. Am 16. Juli 1944, wenige Tage vor dem Attentat auf Hitler, nahm Cäsar von Hofacker in Berlin an einer letzten Beratung mit dem engsten Kreis um Stauffenberg teil. Die Teilnehmer dieses Treffens beschlossen, danach zu streben, den Krieg sofort an allen Fronten zu beenden und einen absoluten Regierungswechsel durchzusetzen. Die politisch klare Konzeption Hofackers, die auf die Vernichtung des Regimes orientiert war, erklärt auch das entschlossene Handeln des Patrioten und seiner Helfer in Paris am 20. Juli 1944 selbst. Als Hofacker am Nachmittag den Anruf erhielt, dass das Attentat erfolgt sei, informierte er umgehend General von Stülpnagel und setzte die Befehle Stauffenbergs sofort um. Er ordnete die Besetzung aller wichtigen Gebäude in Paris an und ließ durch die Wehrmachtseinheiten über 1200 Angehörige der SS, des Sicherheitsdienstes und der Gestapo verhaften. Die wortbrüchige Weigerung des Oberbefehlshabers West, Generalfeldmarschall Hans-Günter von Kluge, am Umsturz mitzuwirken, den Befehl zur Einstellung der Kampfhandlungen im Westen zu erteilen und zum Kampf gegen das NS-Regime aufzurufen, führte zum Abbruch des erfolgreichen Umsturzversuch in Paris. Bereits am 22. Juli 1944 befanden sich die SS-Schergen wieder auf freiem Fuß.

Als das Scheitern des Attentats in Paris bekannt wurde, schlug Cäsar von Hofacker, der am frühen Abend zusammen mit Stülpnagel und Oberst Eberhard Finckh, dem Chef der Intendantur, zu Kluge gefahren war, vor, eigenständig den Krieg im Westen zu beenden. „Feldmarschall, was in Berlin passiert ist, ist nicht entscheidend. ... Trennen Sie sich von Hitler und nehmen Sie die Befreiung im Westen in die eigene Hand. Schaffen Sie auch hier eine andere, vollendete Tatsache. Die Armee und die Nation werden es Ihnen danken. Beenden Sie im Westen das blutige Massaker. Verhindern Sie ein noch schrecklicheres Ende und vermeiden Sie für Deutschland die schlimmste Katastrophe in seiner Geschichte." Er appellierte an den Oberbefehlshaber der Westfront: „Ihre Ehre, Feldmarschall, und die des Heeres steht auf dem Spiel. Das Schicksal der Nation liegt in Ihrer Hand!" Kluge erwiderte: „Das wäre so, wenn die Banditen tot wären" und enthob Stülpnagel auf der Stelle seiner Funktion.

Das Angebot französischer Widerstandskämpfer an CŠsar von Hofacker, ihm nach dem Scheitern des Umsturzes bei seiner Flucht zu helfen, lehnte er ab. Er wollte sich nach Deutschland durchschlagen, um dort erneut oppositionelle Kräfte zu sammeln. Am 26. Juli 1944 wurde er verhaftet und am 30. August vom „Volksgerichtshof" zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 20. Dezember 1944 in Berlin-Plötzensee vollstreckt.

Günter Wehner